Nein, wirklich: Johnson selbst, vor ein paar Jahren noch glühender Verfechter einer EU-Mitgliedschaft der Türkei und deutlich pro-europäischer als Cameron, mag einzig von zynischem Machtkalkül motiviert sein, aber in der Brexit-Fraktion laufen unzweifelhaft auch eine ganze Menge Idealisten verschiedenster Couleurs herum.

Was unter ihnen rechts und links vereint, ist, wie es der "Guardian"-Kolumnist Martin Kettle neulich ausdrückte, ihr britischer Exceptionalism. Anders als sein amerikanisches Gegenstück trägt er oft auch selbstironische Züge. Das macht ihn erträglicher, aber um nichts weniger beratungsresistent gegenüber besserwisserischen Ausländern.

Nostalgische Rückkehr zur Prä-Globalisierungswelt

Ist der chauvinistisch heimelige Euroskeptizismus bei uns noch ein relativ neues Phänomen, so gehört er in Großbritannien nun schon seit drei Jahrzehnten zum Bauchladen griffbereiter Ausreden für alles Misslungene. Auch David Cameron und sein Schatzkanzler George Osborne bedienten sich bis vor kurzem eifrig daran, deshalb wirkt ihre pragmatische EU-Loyalität auch so schlichtweg unglaubwürdig.

Österreichern mag wiederum der Ukip-Slogan "We want our country back" und die mit ihm assoziierte, nostalgische Vision der Rückkehr zu einer wiederhergestellten Prä-Globalisierungswelt bekannt vorkommen. Zu einem gewissen Grad lässt sich die Analogie zwischen dem provinziellen Hofer-Lager und der urbanen Van-der-Bellen-Klientel auch auf die Out- und In-Lager des britischen Referendums anwenden, erst recht in Bezug auf die schauerlich xenophoben Untertöne. Der große Unterschied liegt jedoch im antiautoritären Aspekt des Brexit-Mythos. Ausgerechnet eine konstitutionelle Monarchie, die sich als zweite Kammer ein teils vererbtes, teils ernanntes House of Lords leistet, sieht sich selbst als Bollwerk des demokratischen Widerstandsgeists gegen eine intransparente, diktatorische EU.

Vision von der "wiedererlangten Kontrolle"

"Wenn es wie eine Ratte aussieht und wie eine Ratte riecht, dann ist es vermutlich eine Ratte. Und seien wir uns ehrlich: Europa stinkt", sagte letzte Woche der 72-jährige Rockstar Roger Daltrey in einem Interview mit der "Sun". Im September wird er - vermutlich mit Nasenklammer - beim Stadthallen-Konzert von The Who in Wien wieder die 45 Jahre alten Zeilen "Meet the new boss / Same as the old boss" aus "Won’t Get Fooled Again" singen. Bis dahin will er aber raus aus Europa, schließlich werde es von "einem Haufen verdammter Wichser" regiert.

Die Frage der Einwanderung sei dabei auch ein großes Thema, "aber niemand spricht von der anderen Seite der Sache", so Daltrey. "All die südeuropäischen (sic) Länder werden ihrer Jugend beraubt. Diese Länder wurden vergewaltigt. Ihre Jungen müssen das Land verlassen, um Arbeit zu finden, wie sollen sie da ihre Zukunft wieder aufbauen?" Seine Schlussfolgerung, den Hoffnungslosen zu helfen, indem man sich von ihnen loseist, teilt Daltrey mit überraschenden Verbündeten.

Paul Mason zum Beispiel, der vor kurzem in Wien sein Buch "Postkapitalismus - Grundrisse einer kommenden Ökonomie" (Suhrkamp) vorstellte, behauptete im "Guardian", die linke Ratio für Brexit sei "strategisch und klar", schließlich biete die EU "das gastfreundlichste Ökosystem der entwickelten Welt für Konzernmonopole, steuervermeidende Eliten und organisiertes Verbrechen". Darüber hinaus stelle ihn der rechtsradikale Drift auf dem Kontinent vor ein grundsätzliches Dilemma: "Will ich Teil derselben Wählerschaft sein wie Millionen heimlicher Nazis in Europa?" Gut, dass er sich das aussuchen kann. Aber auch schade, wo er doch sonst immer so vollmundig von Podemos und Syriza schwärmt, von denen er sich dann wohl auch abschotten würde. Soviel zur klaren Strategie. Das Einzige, was Mason am Brexit-Votum hindert, schreibt er, sei die Aussicht, dass Boris Johnson und Justizminister Michael Gove die konservative Regierung übernehmen und Großbritannien zu einer "neoliberalen Trauminsel" umbauen würden.

Doch andere britische Linke könnten selbst damit noch gut leben, solange es um die gemeinsame Vision der "wiedererlangten Kontrolle" geht.

- © Peter M. Hoffmann
© Peter M. Hoffmann

Und so kommt es, dass eines lauen Maiabends in der St. James’s Church am Piccadilly direkt vor dem Altar, in einem von einer Priesterin in Soutane moderierten Diskussions-Panel der selbsternannte "Leftie" Giles Fraser ausgerechnet neben der konservativen alten Todestrafen-Befürworterin und strammen Kämpferin gegen LGBT-Rechte Ann Widdecombe auf der Seite der "Christians for Britain" sitzt. Fraser war einmal Vikar der St. Paul’s Cathedral, unterstützte als solcher zu Zeiten der Finanzkrise die neben seiner Kirche kampierende Occupy-Bewegung und schreibt wöchentliche Kolumnen im "Guardian". Im Vorfeld des EU-Referendums macht er sich nun als linke Stimme für den Brexit stark.

Er beruft sich dabei nicht nur auf den Geist protosozialistischer britischer Volksbewegungen wie der Diggers, sondern erstaunlicherweise auch auf Martin Luther. In Frasers Weltsicht ist der Vatikan das historische Äquivalent der EU und Britannien die protestantische Bewegung. (Kleiner Schönheitsfehler: Es war Luther, der exkommuniziert wurde. Er wollte reformieren, nicht austreten.)