Wien/London. Dass die Briten am 23. Juni für ein Ausscheiden aus der EU stimmen, wird von Experten längst als seriöse Möglichkeit eingestuft. Die Meinungsumfragen haben die EU-Gegner oft schon 6 bis 7 Prozent voran, auch bei den Buchmachern steigen die Chancen des "Leave"-Lagers. Die Wettbüros gelten in Großbritannien vielerorts als zuverlässiger als die Umfrageinstitute, die bei den Parlamentswahlen im Vorjahr komplett danebenlagen. Umfragen und Wettquoten deuten jetzt einen dramatischen Schwenk an, der die Märkte zutiefst verunsichert.

Schon vor dem eigentlichen Referendum ist klar: Premier David Cameron, der mit der Abstimmung interne Kritiker zum Schweigen bringen wollte, hat sich grob verrechnet. Er hat ein Hasard-Spiel mit ungewissen Ausgang, auch für sich selbst, angezettelt. Cameron wollte zunächst in Brüssel einige Vorteile für die Briten verhandeln und mit diesem Erfolg im Gepäck in eine Abstimmung ziehen, die dann, so sein Kalkül, reine Formsache wäre. Den neuen, vorteilhaften Briten-Deal gibt es tatsächlich, er wurde am Freitag den 19. Februar 2016 unter Dach und Fach gebracht. London muss nun weniger Sozialleistungen an Kinder von EU-Bürgern zahlen, die nicht im Land sind. Und man ist ausdrücklich nicht dem Ziel einer "ever closer Union" verpflichtet.

Rivale Boris Johnson

Doch davon redet niemand mehr. Jetzt geht es darum, dass der Premier bei einem Ja zum EU-Austritt zurücktreten wird. Und bei einem Nein könnte der Druck der EU-Gegner innerhalb der Tories so stark werden, dass Cameron trotzdem zurücktreten muss.

Ein Rivale hat sich schon in Stellung gebracht: Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson, dem ein hervorragender politischer Instinkt nachgesagt wird, führt das Brexit-Lager innerhalb der Tories an. Der innerparteiliche Zwist ist an Heftigkeit mittlerweile kaum zu überbieten.

Auch wenn die Demoskopen bei ihren Prognosen wieder irren: Zuverlässig ist erhoben, unter welchen Rahmenbedingungen das Referendum am 23. Juni entschieden wird. Die Wähler der Liberaldemokraten, die 18- bis 29-Jährigen, die Schotten, die Nordiren, die Londoner, die 30- bis 39-Jährigen und die Gebildeten sind mehrheitlich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Für den Brexit sind die Wähler der nationalen Ukip-Partei unter Nigel Farage und die, die ihre Informationen ausschließlich aus Boulevardmedien wie der "Sun" oder der "Daily Mail" beziehen, die weniger Gebildeten, die Landbevölkerung und - last but not least - die über 60-Jährigen.