London. Kurz vor der Abstimmung über einen Austritt Großbritanniens aus der EU hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Warnung vor einem Brexit verschärft. Auch die deutsche Wirtschaft malte erneut ein düsteres Bild für viele Unternehmen, sollten die Briten am Donnerstag (23. Juni) gegen den Verbleib in der EU stimmen.

Nur gemeinsam "werden wir Europäer in der Welt noch erfolgreich sein können. Sonst versinken wir getrennt in der Bedeutungslosigkeit", mahnte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, am Wochenende in der "Rheinischen Post".

Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble warb am Sonntag in Kiel für den Zusammenhalt in der Europäischen Union, ohne direkt auf die Abstimmung in Großbritannien einzugehen. Kein einzelnes europäisches Land werde alleine in der Welt viel erreichen können, sagte der CDU-Politiker bei der Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises.

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Finanzminister Hans Jörg Schelling (beide ÖVP) erwarten einen positiven Ausgang der Abstimmung am 23. Juni: "Ich bin Optimist. Die Leute in Großbritannien sind weise genug, um in der EU zu bleiben", sagte Schelling am Freitag. Ein Austritt wäre sowohl für die EU als auch für Großbritannien ein Problem. "Wenn Großbritannien kein Mitglied der EU ist, kann es die Vorteile der EU nicht haben". Schelling hält nach einem Brexit ein Weiterbestehen von Großbritannien unwahrscheinlich. Sowohl Wales als auch Schottland werden das Vereinte Königreich möglicherweise verlassen, um in der EU bleiben zu können. Mitterlehner befürchtet Auswirkungen auf den Kapital- und Finanzmarkt. OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny schätzt die kurzfristigen Effekte als "gering" ein. Langfristig werde ein Brexit negative Struktureffekte für den Finanzplatz London haben.

Ein IWF-Bericht über den wirtschaftlichen Zustand des Vereinigten Königreichs geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung langfristig um bis zu 4,5 Prozentpunkte niedriger liegen würde als bei einem Verbleib in der EU. Für 2017 sehen die Szenarien des IWF sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung vor, sollte der Brexit kommen. IWF-Chefin Christine Lagarde beschwor in einem flammenden Appell die Vorteile des Verbleibs in der Europäischen Union. Großbritannien sei Teil europäischer Fertigungsketten, etwa in der Auto- und Raumfahrtindustrie, sagte Lagarde am Freitag in Wien. Großbritanniens Handelsvolumen sei durch die Mitgliedschaft in der EU größer geworden, sowohl Löhne als auch Produktivität seien gestiegen. "Großbritannien hat von den viele Beiträgen talentierter und fleißiger Migranten aus aller Welt und auch aus der EU profitiert."