London. Drei Tage vor der Abstimmung über einen Austritt Großbritanniens aus der EU haben die Brexit-Befürworter einen Dämpfer hinnehmen müssen. In mehreren Umfragen erkämpften die EU-Befürworter einen hauchdünnen Vorsprung und kehrten den gegenteiligen Trend der vergangenen Woche um.

Der Wahlkampf flammt indes neu auf. Premierminister David Cameron beschuldigt das Brexit-Lager, mit unwahren Behauptungen und falschen Zahlen zu arbeiten. Der Austritts-Wortführer Boris Johnson wiederum hält dem Pro-EU-Lager politische Ratlosigkeit vor.

In der EU bleiben, bedeute, "hinten in einem Auto eingesperrt zu sein, das jemand fährt, der nicht gut Englisch spricht und in eine Richtung steuert, in die wir nicht wollen", schrieb Johnson in einen Namensartikel für den "Daily Telegraph".

Zugleich stand am Montagnachmittag (15.30 MESZ) eine Sondersitzung des Parlaments zum Gedenken an die ermordete Abgeordnete Jo Cox an. Nach dem Tod der Frau am vergangenen Donnerstag ruhte der Wahlkampf zunächst für einige Tage. Cameron und andere Politiker plädierten dafür, es dürfe keinen Hass und keine überzogene Härte in der politischen Debatte geben.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Nach wie vor ist unklar, inwieweit der Tod der Pro-EU-Anhängerin den Ausgang des Referendums an Donnerstag (23. Juni) beeinflussen könnte. Umfragen, die teilweise davor, teils nach der Ermordung gemacht wurden, sprechen von Zugewinnen des Pro-EU-Lagers. Allerdings sieht es nach wie vor nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen am Donnerstag aus.

Zugleich sprachen sich Top-Manager der britischen Autoindustrie für einen Verbleib in der Gemeinschaft aus. Ein Brexit könnte Jobs und Investitionen gefährden.

Die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs Großbritanniens in der EU wird dem Wettanbieter Betfair zufolge von Buchmachern nun auf 72 Prozent taxiert. Am Freitag habe die Quote dafür, dass die Briten mehrheitlich gegen einen Austritt stimmen werden, noch bei 65 Prozent gelegen.

Abgeordnete wandte Brexit Rücken zu

Unterdessen wechselte eine konservative Brexit-Befürworterin ins Pro-EU-Lager. Die Oberhaus-Parlamentarierin Baroness Sayeeda Warsi begründete ihren Schritt mit "Hass und Ausländerfeindlichkeit", die sich in der Brexit-Kampagne breitmachten.

Sie verwies dabei besonders auf ein Plakat der rechtskonservativen Ukip-Partei: Dies zeigt eine lange Menschenschlange und die Worte "Breaking Point" - Bruchstelle. Das Poster hatte bereits zuvor für Aufregung und Kritik gesorgt, auch im Brexit-Lager.

Cameron bezeichnete das Plakat als "unverantwortlich", es könnte Angst vor Migranten schüren. Dagegen verteidigte Ukip-Chef Nigel Farage das Poster. "Die Absicht war es, das Poster für einen Tag zu nutzen, um zu zeigen, die EU in jedem Sinne ein gescheitertes Projekt ist", meinte Farage.

Brexit-Lager behauptet Unwahrheit

Cameron warf dem Brexit-Lager in einer BBC-Fragestunde am Sonntag vor, bei mehreren zentralen Themen nicht die Wahrheit zu sagen: Es treffe nicht zu, dass die Türkei demnächst in die EU komme. Unwahr sei auch, dass Großbritannien einer europäischen Armee angehören werde. Falsch sei ebenfalls, dass London jede Woche 350 Millionen Pfund an Brüssel zahle.

Dagegen warf Johnson Cameron und dem Pro-EU-Lager Ratlosigkeit vor. "Was hat das Drinbleiben-Lager anzubieten? Nichts. Keine Veränderung, keine Verbesserung, keine Reform; nichts als die beständige und miserable Erosion der parlamentarischen Demokratie in diesem Land", schrieb er im "Daily Telegraph".

Der britische Außenminister Philip Hammond bekräftigte unterdessen beim EU-Außenministertreffen in Luxemburg die Warnung, dass ein Austritt aus der EU "unumkehrbar" wäre. Das Vereinigte Königreich könne dann "der EU niemals zu einem späteren Datum wieder beitreten, außer zu unannehmbaren Bedingungen". Zugleich forderte Hammond für den Fall eines Verbleibs in der EU eine schnelle Reform der Europäischen Union. Diese müsse so verändert werden, "dass sie den Sorgen der normalen Leute Rechnung trägt".

Cameron hatte beim EU-Gipfel im Februar eine Reihe von Reformen ausgehandelt, die in Kraft gesetzt werden sollen, wenn das Land Mitglied der Union bleibt. Dazu gehören die Beschränkung von Sozialleistungen für EU-Ausländer, mehr Rechte für nationale Parlamente und eine Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Nobelpreisträger warnen vor Austritt

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, er hoffe, dass die Briten "mit Mehrheit sich dafür entscheiden, innerhalb der Europäischen Union zu bleiben". Er sei überzeugt, dass Europa "deutlich ärmer wird, wenn Großbritannien ausscheidet." Sein luxemburgischer Kollege Jean Asselborn sagte, ein Brexit wäre keine Entscheidung "in eine gute Richtung", weder politisch, noch wirtschaftlich oder kulturell.

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) bezeichnete einen EU-Austritt als "furchtbar". Großbritannien sei nämlich ein Land, "das uns in der EU ideologisch sehr gut tut", sagte Kurz in einem auf Facebook veröffentlichten Videobeitrag. Konkret nannte er das Eintreten Londons für eine liberale Wirtschaftspolitik, gegen Sozialmissbrauch und Brüssel.

Auch zehn internationale Preisträger des Wirtschaftsnobelpreises warnten vor einem Brexit. In einem am Montag im "Guardian" veröffentlichten Brief schrieben sie, ein Brexit würde eine "bedeutende Unsicherheit" für Großbritannien als Handelsnation nach sich ziehen: "Britische Firmen und Arbeiter brauchen den Zugang zum EU-Binnenmarkt."