Die EU-Befürworter in Großbritannien scheinen die Nase vorn zu haben. Der Chef der euroskeptischen UKIP, Nigel Farage, sieht eine Mehrheit für die EU-Befürworter, wie er gegenüber dem Sender Sky News betonte. "Es sieht so aus, als ob Remain (Pro-EU) es knapp schaffen wird", sagte er.

Bei einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov erklärten 52 Prozent der befragten Wähler, sie hätten für einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union gestimmt. 48 Prozent votierten demzufolge dagegen, wie der Sender Sky News berichtete. Die von Sky in Auftrag gegebene Erhebung ist ausdrücklich keine repräsentative Nachwahlbefragung oder eine Prognose. Aus der hohen Wahlbeteiligung von 83,7 Prozent schöpften die EU-Befürworter zusätzlich Hoffnung.

Briten trotzen Schlechtwetter

Zehntausende Briten trotzten am Donnerstag Wolkenbrüchen, Gewittern und Überschwemmungen, um über die weitere Mitgliedschaft ihres Landes in der Europäischen Union abzustimmen. Die Wahllokale meldeten hohe Wahlbeteiligung in Grossbritannien - was nach Ansicht der Experten dem Pro-EU-Camp zugute kommt.

Letzte Meinungsumfragen aus den Vortagen hatten ebenfalls überwiegend der Pro-EU-Seite den Zuschlag gegeben. Zwei der letzten sechs Umfragen sahen aber immer noch die EU-Gegner vorn. Das Ergebnis des Referendums wird in den Morgenstunden erwartet.

46,5 Stimmberechtigte

46,5 Millionen Wähler insgesamt waren zur historischen Entscheidung über Grossbritanniens Verbleib in der EU oder Austritt aus der Union aufgerufen. Trotz der Unwetter, die in der Nacht auf Donnerstag und dann noch einmal am Wahltag selbst in London und im englischen Südosten gewütet hatten, gab es starken Andrang an den Wahllokalen. Mancherorts bildeten sich lange Schlangen. Der Briefwahl-Eingang lag bei 80 Prozent.

Viele Briten klagten darüber, wegen Verkehrsbehinderungen durchs Wetter nicht mehr rechtzeitig zur Stimmabgabe gekommen zu sein. In Bahnhöfen wie Waterloo und Viktoria standen zeitweise alle Räder still. In den Wettbüros - die durchweg ein Votum für Verbleib in der EU erwarteten - wurden im Laufe des Wahltags noch einmal Millionen Pfund umgesetzt.

Brief: Cameron soll weiter Premier bleiben 

Ein Sieg des EU-freundlichen "Remain"-Lagers wäre ein Erfolg für den konservativen Premierminister Cameron, der für den Verbleib geworben hatte. Sollten die Wähler sich gegen die EU entscheiden, galt sein Rücktritt als wahrscheinlich - auch wenn er stets beteuert hat, in jedem Fall im Amt bleiben zu wollen. Es wurde erwartet, dass er nach der Verkündung des Wahlergebnisses schnell vor die Presse treten würde.

Am Donnerstagabend forderten indes 80 konservative Abgeordnete - darunter alle Minister - von Cameron, unabhängig von dem Wahlausgang im Amt zu bleiben, berichtete der "Telegraph".

Pfund stieg stark an

Auf weitere britische EU-Mitgliedschaft setzte auch die City of London, das Finanzzentrum Britanniens. Der FTSE-100-Index schloss mit Gewinnen von 1,23 Prozent. Das Pfund schoss morgens steil in die Höhe, fiel am Nachmittag wieder zurück und stieg am Abend, nach Schliessung der Wahllokale, wieder an.

Banken und Hedgefunds in London hatten versucht, sich tagsüber bereits über privat in Auftrag gegebene, stündliche Hochrechnungen ein Bild von der Lage zu machen. Die Nervosität in der Finanzwelt war aber spürbar.

"Wenn es einen Brexit geben sollte", sagte ETX Capital-Handelschef Joe Rundle dem Londoner Guardian, "dann könnte es hier zu reinem Chaos kommen." Selbst eine Schliessung der Börse am Freitag wäre dann nicht ausgeschlossen, fügte Rundle hinzu.

Viel Gelächter löste in England die Mitteilung der Bild-Zeitung aus, wenn die Briten in der EU blieben, würden die Deutschen aufhören, an Urlaubsorten Liegebetten in Beschlag zu nehmen, und sie würden auch akzeptieren, dass Geoff Hursts umstrittenes Tor bei dem WM 1966 wirklich drin war.