Brüssel/London. Viel Staub ist aufgewirbelt, viel Lärm geschlagen worden. Das britische Referendum über die Mitgliedschaft in der EU hat auch in Europa für hitzige Aufregung gesorgt. Bis sich die Schwaden gelegt haben, bis in den chaotischen Chor von Warnern und Werbern wieder etwas Ruhe kommt, wird es noch dauern. Doch was danach folgt, zeichnet sich jetzt schon ab: die nächste Debatte um die Zukunft der Gemeinschaft. Dass es Reformbedarf gibt, steht außer Streit. Doch in welche Richtung die Änderungen gehen sollen, wird einmal mehr für heftige Auseinandersetzungen sorgen.

Wie früher schon - etwa beim Ringen um eine Verfassung für die EU. Wie vor jeder Erweiterungsrunde, wie bei den Gesprächen um die Verteilung von Flüchtlingen, wie bei allen Verhandlungen um eine mehrjährige Finanzplanung, wie beim Zwist um Hilfspakete für Griechenland und den Sparkurs generell. Immer wieder standen und stehen dabei Sympathisanten einer engeren Zusammenarbeit, einer Vertiefung der EU jenen Skeptikern gegenüber, die zwar auf wirtschaftliche Kooperation setzen, sich aber von der Idee einer politischen Union distanzieren.

Diese könnten versucht sein, sich ihren Kurs von ihrer Bevölkerung bestätigen zu lassen. Denn Volksabstimmungen zu EU-Themen machen Schule - und das Referendum über den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der Union, ist nur das jüngste Beispiel. Doch nährte gerade dieses die Sorgen, dass anti-europäische Populisten vollends zum Sturm auf das vereinte Europa ansetzen. Parteien wie die FPÖ, die gegen "das Establishment" im eigenen Land und "die Eurokraten" mobilmachen, reiben sich jedenfalls die Hände. Die Freiheitlichen haben das Brexit-Referendum unterstützt und wollen - einmal an der Macht - verstärkt auf das Mittel des Plebiszits zurückgreifen. Das wurde im österreichischen Präsidentschafts-Wahlkampf klar.

Angst vor dem Dominoeffekt

In etlichen Ländern, von Nord- über Ost- nach Mitteleuropa werden EU-skeptische Kräfte gestärkt, die je nach innenpolitischer Lage gerne auf das Feindbild Europa zurückgreifen. Nach den jüngsten, massiven Fluchtbewegungen mit umso größerem Erfolg - vor allem im Osten. Mit europapolitischen Fragen wird innenpolitisch gepunktet, Brüssel ist der Sündenbock, der gerne hervorgeholt wird, wenn Wahlen mit unsicherem Ausgang gewonnen werden müssen.