London. Jubel hat es bei den britischen EU-Austrittsgegnern nach dem sich abzeichnenden Ergebnis des Brexit-Referendums gegeben. Der EU-Parlamentarier und Chef der Unabhängigkeitspartei Ukip, Nigel Farage, sprach in einer ersten Reaktion von einem "Sieg für wirkliche Menschen, für normale Menschen, für anständige Menschen".

Man könne nun davon träumen, dass "die Morgendämmerung für ein unabhängiges Großbritannien angebrochen ist. Wenn die Voraussagen richtig sind, ist das ein Sieg für das Volk. Wir haben gegen die Multi-Nationalen gekämpft. Wir haben gegen Lügen und Täuschungen gekämpft".

Entsetzt zeigten sich dagegen laut Politico die britischen Sozialdemokraten. "Es ist ein schrecklicher Tag für Großbritannien und ein schrecklicher Tag für Europa", so Keith Vaz von der Labour-Partei.

Pfund auf tiefstem Stand seit 1985

Aufgrund der Nachrichten fiel das britische Pfund unter 1,35 Dollar, d. h. auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren. Auch der Euro rutschte aufgrund des näher rückenden Brexits Richtung 1,10 Dollar ab. Die Börse in Sydney reagierte ebenfalls umgehend und brach um mehr als drei Prozent ein, auch an der Börse in Hongkong riss der drohende Brexit die Kurse ins Minus.

Der Vorsitzende der europafeindlichen Ukip-Partei, Nigel Farage, erklärte via Twitter, er wage nun, "von einem unabhängigen Vereinigten Königreich" zu träumen. Er hatte sich vehement für einen EU-Austritt ausgesprochen.

In der nordostenglischen Stadt Sunderland stimmten 61 Prozent für einen Ausstieg aus der EU, lediglich 39 Prozent für einen Verbleib - der Erfolg des Brexit-Lagers fiel dort erheblich klarer aus als erwartet. Nach Auszahlung von 15 der 382 Wahlbezirke lag das Lager der Austritts-Anhänger Freitagnacht teils um nur wenige Tausend Stimmen knapp in Führung. Nach einem ersten Anstieg fiel das Pfund auf den internationalen Finanzmärkten so stark wie seit 2009 nicht.

Umfragezahlen nicht verlässlich

Das Institut YouGov hatte in ersten Wähler-Nachbefragungen nur Minuten nach Schließung der Wahllokale eine Mehrheit von 52 Prozent für den Verbleib in der Gemeinschaft ermittelt. Lediglich 48 Prozent hätten für den Brexit votiert. Das Institut Ipsos Mori kam gar zu einem Ergebnis von 54:46 Prozent. Doch die Zahlen entsprechen nicht klassischen Wahlprognosen, sie gelten als weniger verlässlich.

In der Labour-Hochburg Newcastle upon Tyne nahe Sunderland behielten die EU-Befürworter zwar die Oberhand - doch hier fiel das Ergebnis weitaus knapper als erwartet aus. Weniger als 51 Prozent votierten hier für Drinbleiben, 49 Prozent für Rausgehen.

Boris Johnson als Premier-Nachfolger im Wahlkampf

84 konservative Abgeordnete, die pro Brexit sind, forderten nach Angaben eines Parlamentariers Premierminister David Cameron zum Verbleib im Amt auf. Cameron hatte sich vehement für ein Drinbleiben ausgesprochen. Er solle in jedem Fall weiterhin Premier bleiben, wie auch immer das Referendum ausfalle, heißt es in dem Brief, den der konservative Abgeordnete Robert Syms auf Twitter veröffentlichte. Unter den Abgeordneten, die den Brief unterzeichnet haben, ist auch Londons früherer Bürgermeister Boris Johnson, Camerons ärgster Gegenspieler im Wahlkampf.

Umfragen hatten bis zuletzt ein enges Rennen vorhergesagt, die Wettquoten standen am Donnerstag aber gegen den Brexit. 46,5 Millionen Wähler hatten sich registriert, viele von ihnen waren bis zuletzt unentschlossen.

Ein Brexit würde die EU in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen. Viele europäische Politiker hatten die Briten vor einem Austritt gewarnt. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und andere Institutionen sagten wirtschaftliche Turbulenzen im Falle eines Brexit voraus.