London. Um Viertel nach acht Uhr Ortszeit trat David Cameron vor die Tür, hinter der er sechs Jahre lang die Regierungsgeschäfte leitete. Blass, bedrückt, mit am Ende brechender Stimme und Frau Samantha zur Seite, musste der Briten-Premier seine schwere Niederlage im EU-Referendumsstreit eingestehen. Er habe sein Bestes getan, erklärte Cameron, aber die britische Bevölkerung habe anders entschieden. Das Land brauche eine neue Führung. Im Oktober, nach der Wahl eines Nachfolgers für ihn auf dem Konservativen Parteitag, mache er einem neuen Amtsinhaber in No. 10 Downing Street Platz.

Diesen trostlosen Abschied hätte sich Cameron, als er vor elf Jahren zum Parteichef der Konservativen gewählt wurde, wohl kaum vorstellen können. Der Streit um und für die EU hat ihn zur Strecke gebracht. Er selbst war zwar nie ein ausgesprochener Freund der Europäer oder der EU. Sein Naturell war allerdings pragmatisch. Er konnte die Parteirechte, die er als "ideologisch" betrachtete, nie so ganz verstehen. Es sei doch, sagte er einmal, wirklich nicht nötig, "immer nur um Europa zu rangeln", als gäbe es sonst nichts Wichtiges auf der Welt .

Dennoch, aus rein taktischen Gründen, war Cameron immer darauf aus, die starke Anti-EU-Hausmacht in der Tory-Fraktion, all die Rechtskonservativen und Tory-Nationalisten seiner Partei, freundlich zu stimmen. Seine Wahl zum Parteivorsitzenden 2005 verdankte er nicht zuletzt dem Versprechen, die Tory-Fraktion im Europäischen Parlament vom großen christdemokratisch-konservativen Verbund der "Europäischen Volkspartei" abzukoppeln. Das tat er denn auch prompt, nach seiner Wahl ins höchste Parteiamt - und brachte so alle Bündnispartner in Europa gegen sich auf.

Damals glaubte Cameron noch, seine Parteirechte erst einmal befriedet zu haben. Aber das war eine arge Fehlkalkulation. Die als "Euroskeptiker" firmierenden EU-Gegner seiner Partei setzten ihm im Gegenteil immer mehr zu. Richtig stark wurde der Druck, als er 2010 Premierminister wurde. Vor allem der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der Cameron beerben möchte, machte dem Premier das Leben schwer. Gleichzeitig erwuchs den Tories am rechten Rand eine Herausforderung durch die rechtspopulistische Anti-EU-Partei Ukip.

Palastrevolte

Camerons Plan, nicht mehr länger "immer nur um Europa zu rangeln", ging nicht auf. Auch dass er einmal gesagt hatte, er sähe "keinen Bedarf" für ein EU-Referendum, half ihm nicht weiter. Er hatte in diesem Zusammenhang die Meinung vertreten, eine Volksabstimmung wäre höchstens nötig, falls London je weitere Befugnisse an Brüssel abtreten sollte - woran in Downing Street niemand im Traum dachte.

Die Tory-Rechte aber drohte ihm offen mit Rebellion und Entmachtung. Und Ukip sammelte Stimmen. Da gab Cameron nach. Im Januar 2013, in seiner seither berühmt gewordenen "Bloomberg-Rede", machte er ein Ja-Nein-Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft zum konservativen Wahlversprechen. Als er im Mai 2015 die Wahlen gewann, hatte er sich selbst in die Pflicht genommen - und leitete, zum Jubel des Anti-EU-Lagers, die Abstimmungs-Vorbereitungen ein. Seither musste Cameron heimlich befürchten, sich ein zweites Mal verrechnet zu haben.

Seine zum Medienspektakel aufgebauschten Verhandlungen mit der EU um ein "Reformpaket" für die Briten stießen daheim auf der Insel, als das Ergebnis bekannt wurde, auf Spott und Hohn. Und als die Kampagne allen Ernstes begann, überraschten sein Justizminister Michael Gove und sein alter Parteirivale Boris Johnson ihn damit, dass sie zur Gegenseite, zum Brexit-Camp, wechselten und diesem dadurch sehr viel mehr Gewicht verliehen, als es sonst gehabt hätte.

Johnson in den Startlöchern

Im Verlauf der Kampagne hat Cameron, all diese letzten Wochen über, sein Äußerstes getan, um einen Brexit abzuwenden - und natürlich um sich den Ruf zu ersparen, sein Land aus der EU geführt und womöglich den Austritt Schottlands aus der eigenen Union provoziert zu haben. Unerwartet kam für den Premier aber, als er Wahlkampf führte, die generelle Frustration über seine Politik im Lande und das Ausmaß der Ressentiments gegen Migranten in weiten Teilen der Bevölkerung, die beides Wasser auf die Mühlen der Brexit-Befürworter waren. Bis zum Wahltag stand die Entscheidung auf der Kippe. Am Freitagmorgen siegte Brexit. So hatte Cameron sich das nicht vorgestellt. Nun zog er die Konsequenzen.

Die Kalkulation Johnsons hingegen ging auf. Mit dem Sieg des Brexit-Lagers, zu dessen Galionsfigur er sich in der Tory-Partei aufschwang, ist er seinem Ziel, den Regierungschef zu beerben, einen großen Schritt näher gekommen. "BoJo", der sich in der EU-Debatte vor allem aus taktischen Gründen gegen Camerons Pro-EU-Linie entschieden hatte, wird aller Wahrscheinlichkeit beim Parteitag für dessen Nachfolge kandidieren. Inhaltlich ist der ehemalige Journalist vom EU-Austritt gar nicht so überzeugt; dem "Spiegel" hatte er vor nicht allzu langer Zeit noch erklärt, es gebe Vor- und Nachteile bei einem Brexit. Doch er will die Führung der Tories übernehmen, um in die Downing Street einzuziehen. Dafür ließ er seinen Studienkollegen Cameron, der bis zuletzt gehofft hatte, seinen beliebten Parteifreund auf seiner Seite zu haben, eiskalt auflaufen.