Die Tory-Rechte aber drohte ihm offen mit Rebellion und Entmachtung. Und Ukip sammelte Stimmen. Da gab Cameron nach. Im Januar 2013, in seiner seither berühmt gewordenen "Bloomberg-Rede", machte er ein Ja-Nein-Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft zum konservativen Wahlversprechen. Als er im Mai 2015 die Wahlen gewann, hatte er sich selbst in die Pflicht genommen - und leitete, zum Jubel des Anti-EU-Lagers, die Abstimmungs-Vorbereitungen ein. Seither musste Cameron heimlich befürchten, sich ein zweites Mal verrechnet zu haben.

Seine zum Medienspektakel aufgebauschten Verhandlungen mit der EU um ein "Reformpaket" für die Briten stießen daheim auf der Insel, als das Ergebnis bekannt wurde, auf Spott und Hohn. Und als die Kampagne allen Ernstes begann, überraschten sein Justizminister Michael Gove und sein alter Parteirivale Boris Johnson ihn damit, dass sie zur Gegenseite, zum Brexit-Camp, wechselten und diesem dadurch sehr viel mehr Gewicht verliehen, als es sonst gehabt hätte.

Johnson in den Startlöchern

Im Verlauf der Kampagne hat Cameron, all diese letzten Wochen über, sein Äußerstes getan, um einen Brexit abzuwenden - und natürlich um sich den Ruf zu ersparen, sein Land aus der EU geführt und womöglich den Austritt Schottlands aus der eigenen Union provoziert zu haben. Unerwartet kam für den Premier aber, als er Wahlkampf führte, die generelle Frustration über seine Politik im Lande und das Ausmaß der Ressentiments gegen Migranten in weiten Teilen der Bevölkerung, die beides Wasser auf die Mühlen der Brexit-Befürworter waren. Bis zum Wahltag stand die Entscheidung auf der Kippe. Am Freitagmorgen siegte Brexit. So hatte Cameron sich das nicht vorgestellt. Nun zog er die Konsequenzen.

Die Kalkulation Johnsons hingegen ging auf. Mit dem Sieg des Brexit-Lagers, zu dessen Galionsfigur er sich in der Tory-Partei aufschwang, ist er seinem Ziel, den Regierungschef zu beerben, einen großen Schritt näher gekommen. "BoJo", der sich in der EU-Debatte vor allem aus taktischen Gründen gegen Camerons Pro-EU-Linie entschieden hatte, wird aller Wahrscheinlichkeit beim Parteitag für dessen Nachfolge kandidieren. Inhaltlich ist der ehemalige Journalist vom EU-Austritt gar nicht so überzeugt; dem "Spiegel" hatte er vor nicht allzu langer Zeit noch erklärt, es gebe Vor- und Nachteile bei einem Brexit. Doch er will die Führung der Tories übernehmen, um in die Downing Street einzuziehen. Dafür ließ er seinen Studienkollegen Cameron, der bis zuletzt gehofft hatte, seinen beliebten Parteifreund auf seiner Seite zu haben, eiskalt auflaufen.