WZ/Irma Tulek, Quellen:afp, fotolia/somartin
WZ/Irma Tulek, Quellen:afp, fotolia/somartin

Brüssel. Die belgischen Gewerkschaften kümmerten die britischen Probleme nicht. Als Freitagmorgen klar war, dass das Königreich sich von der Europäischen Union lösen will, war in Brüssel der Generalstreik ausgerufen. Kein Bus fuhr, keine Straßen- und keine U-Bahn - aus Protest der Bediensteten gegen die Reform- und Sparpläne der belgischen Regierung. Stattdessen war der Jubelpark belebt wie selten um die Morgenstunde: Scharen von Männern und Frauen im Business-Outfit eilten durch die Grünanlage, die sich vor dem EU-Viertel erstreckt.

Dort, in den Büroräumen rund um den Schuman-Platz, in der EU-Kommission und im gegenüber liegenden Ratsgebäude, wo einander die EU-Minister sowie die Staats- und Regierungschefs treffen, dreht sich zu dieser Zeit schon alles um den Brexit, den Austritt aus der Gemeinschaft, für den eine Mehrheit der Briten gestimmt hat. Als erster EU-Spitzenpolitiker tritt Donald Tusk mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Der EU-Ratspräsident warnt vor "hysterischen Reaktionen" auf den Ausgang des Referendums und versichert, dass es einen legalen Rahmen für das Prozedere gebe. Die EU-Institutionen seien nicht unvorbereitet.

Kein Ende der EU

Ein paar hundert Meter weiter entfernt tagen im EU-Parlament die Fraktionsvorsitzenden. Kurz darauf setzt sich der Präsident des Abgeordnetenhauses, Martin Schulz, gemeinsam mit Tusk und dem niederländischen Premier Mark Rutte, mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zusammen. Danach gibt es die nächste Erklärung: Die Entscheidung der Briten werde bedauert, aber respektiert. Nun müssen die 27 Mitgliedstaaten ihre Kooperation fortsetzen, ihre Einigkeit unter Beweis stellen.

Die Frage einer britischen Journalistin, ob das Ausscheiden Großbritanniens den Anfang vom Ende der EU bedeuten würde, beantwortet Juncker dann knapp: "Nein." Und tritt unter dem Applaus von im Pressesaal anwesenden EU-Beamten ab.

Wie geht es nun weiter? Die EU-Vertreter forderten London auf, rasch den Austrittsprozess einzuleiten. Denn Großbritannien muss erst einmal den Antrag auf sein Ausscheiden stellen - nur dann können die Gespräche darüber beginnen. Doch Premier David Cameron will noch einige Monate im Amt bleiben, und sogar sein Widersacher und Brexit-Befürworter Boris Johnson sieht keinen Grund zur Eile. Fürs Erste bleibt Großbritannien also EU-Mitglied, mit allen Rechten und Pflichten. Die Verträge der britischen EU-Beamten laufen weiter, Jonathan Hill bleibt EU-Kommissar, und rein rechtlich könnte das Vereinigte Königreich wie geplant im kommenden Jahr den EU-Vorsitz übernehmen. Schon vor langem haben die Mitgliedstaaten die Reihenfolge festgelegt, wer von ihnen jeweils für ein halbes Jahr diese Funktion ausübt. Änderungen müssten ebenfalls sie beschließen.

Ein Spiel auf Zeit kann dem Kontinent aber nicht recht sein - auch wenn dieser keine Handhabe dagegen hat. Von allen Seiten wird daher betont, dass die Unsicherheit nicht in die Länge gezogen werden dürfe. Und noch etwas klingt in den Mahnungen durch: dass die nächste Debatte um eine Reform der EU ansteht.

Tusk hat schon klargemacht, dass nun eine weit angelegte "Betrachtung" über die Zukunft Europas angebracht sei. Anstoßen kann er das schon in der kommenden Woche: Am Dienstag und Mittwoch kommen in Brüssel nämlich die Staats- und Regierungschefs zu ihrem Gipfeltreffen zusammen - und Tusk leitet diese Sitzungen. Doch ist ihm klar, dass sich die Diskussion um Reformen in der EU schnell zu einem Zwist darüber entwickeln kann, in welche Richtung sich die Gemeinschaft bewegen soll.

Berliner Besonnenheit

Dass der Kurs von ein paar Ländern vorgegeben wird, scheint jedoch fast unumgänglich. Schon wird erneut das Konzept von Kerneuropa ins Gespräch gebracht - und richten sich immer mehr Augen auf Berlin und Paris. Das frühere Führungstandem scheint derzeit zwar nicht der geeignete Motor für die EU zu sein, weil Frankreich politisch und wirtschaftlich angeschlagen ist. Dennoch gibt es noch immer viel Potenzial für eine Kooperation zwischen den beiden Staaten, die die zwei größten Volkswirtschaften in der EU sind.

Jedoch übt sich Berlin derzeit noch in Zurückhaltung. Denn die dominante Rolle - die ihm dann immer wieder auch zum Vorwurf gemacht wird - übernimmt es keineswegs mit Begeisterung. So rief die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Besonnenheit auf und warnte vor voreiligen Beschlüssen, die die Union spalten könnten. Gleichzeitig bezeichnete sie den Tag nach dem britischen Referendum als "Einschnitt für Europa" und den "europäischen Einigungsprozess".

Neue Bündnisse?

In Paris befand Staatspräsident François Hollande: Damit die EU "voranschreiten kann, darf sie nicht mehr so weitermachen wie bisher". Veränderungen forderte auch Italiens Premier Matteo Renzi ein. Merkel lud ihre beiden Amtskollegen gemeinsam mit EU-Ratspräsident Tusk zu einem Treffen nach Berlin ein - einen Tag vor dem Gipfel in Brüssel.

Allerdings wird sie den Eindruck vermeiden, andere Mitgliedstaaten nicht einbinden zu wollen. Dass sie an Gewicht einbüßen, befürchten nämlich vor allem jene Länder, die nicht Teil der Euro-Zone sind. Mit Großbritannien verlieren sie einen Verbündeten und an Einfluss: Ohne das Königreich erwirtschaften sie gerade einmal an die 14 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts.

Umgekehrt gibt es ebenfalls Hoffnungen auf neue Bündnisse. So könnte sich Polen zu einer erneuten Annäherung an Deutschland gezwungen sehen. Auch wenn das der nationalkonservativen Regierung in Warschau auf den ersten Blick nicht gefallen mag.