London. Noch fällt es schwer, das wahrzuhaben. Die Briten verabschieden sich aus der Europäischen Union. Was selbst in Großbritannien nur die wenigstens für denkbar hielten, ist mit dem Referendum-Resultat am Freitag Realität geworden: Die Insel schert aus. Es ist beschlossen. Die EU verliert einen ihrer größten Staaten. Nichts wird nach diesem Entscheid mehr sein, wie es einmal war - diesseits oder jenseits des Ärmelkanals.

Wie, fragen sich auch britische Beobachter schockiert, hat es zu dazu kommen können? Haben nicht sämtliche großen Parteien, das Big Business, die Gewerkschaften und sogar des Landes beste Fußballer und Nobelpreisträger für Verbleib in der EU plädiert? Hat nicht die Bank von England die zu erwartenden katastrophalen Folgen eines Brexit bis aufs Kleinste erläutert? Hat nicht Premierminister David Cameron eindringlich vor dem "Sprung aus dem Flugzeug" gewarnt?

Dabei ist der Premier nicht der Einzige, der Schuld hat an diesem immensen Debakel britischer Politik. Oppositionsführer Jeremy Corbyn, der Labour-Chef, trägt ebenfalls eine Menge Verantwortung. Er hielt sich fast ganz heraus aus der Frontline dieses Streits.

Labour-Wähler empfanden den Kampf um Europa als einen Kampf zwischen zwei konservativen Fraktionen. Er betraf sie irgendwie nicht. Sie fanden sich nicht angesprochen. Das Ganze war ein Streit zwischen den beiden Eton-Boys Boris und Dave.

Und in den alten Industriegebieten Englands wurde "unkontrollierte Migration" zum zentralen Thema. Die Wucht der Emotionen, die das aufrührte, sagte viel über die Stimmung in der Bevölkerung. Es zeigte auf, wie weit sich die Labour-Parteiführung von der Basis ihrer Wähler entfernt hatte. Die Brexit-Seite unter Boris Johnson, einem gewitzten Opportunisten, wusste diese Ängste zu schüren. Es nutzte sie erfolgreich für ihre Zwecke aus.

Boris Johnsons Alliierte von Ukip, von der rechten Anti-Immigrations-Partei, taten ihr Bestes, die Stimmung zusätzlich anzuheizen. Fast hätten sie die Kontrolle verloren über den von ihnen entfachten rhetorischen Sturm. Als die Labour-Abgeordnete und Flüchtlings-Fürsprecherin Jo Cox eine Woche vor dem Wahldatum brutal ermordet wurde, wurden mit einem Mal Fragen laut, hielt die Politik den Atem an.

Aber der Mord hatte vor allem den Effekt, dass noch mehr, dass fast ausschließlich über Migration gesprochen wurde -was am Ende der Brexit-Seite zugutekam. Klar ist, dass Bevölkerungsschichten, die normalerweise wenig Gehör finden, sich zunehmend für Brexit erwärmten. Oder dass sie den Verbleib in der EU einfach nicht für wichtig genug hielten. Ihnen imponierte der Appell Johnsons, wieder die eigenen Geschicke "in den Griff" zu bekommen - und die Zugbrücken zum Kontinent hochzuziehen.