SNP-Chefin Sturgeon hatte in den letzten Monaten intensiv für den EU-Verbleib geworben. - © afp
SNP-Chefin Sturgeon hatte in den letzten Monaten intensiv für den EU-Verbleib geworben. - © afp

Edinburgh/Belfast. Der Brexit katapultiert nicht nur Großbritannien aus der EU, er dürfte auch die Fliehkräfte innerhalb des Vereinigten Königreichs verstärken. Denn während Engländer und Waliser mehrheitlich für eine Zukunft jenseits der EU votierten, stimmten Schotten und Nordiren mit 62 beziehungsweise 55,8 Prozent für den Verbleib in der Gemeinschaft. Sowohl Schottland als auch Nordirland profitieren stark von EU-Geldern.

Die Regierungschefin von Schottland, Nicola Sturgeon, deutete bereits unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses eine neue Unabhängigkeitsabstimmung an. Es sei deutlich geworden, "dass die Menschen in Schottland ihre Zukunft in der EU sehen", sagte Sturgeon. Eine neue Unabhängigkeitsabstimmung dürfte dabei größere Erfolgschancen haben als jene des Jahres 2014, als 55 Prozent der Wähler gegen die Abspaltung vom Königreich votierten. Denn schon in den Monaten vor dem Brexit-Referendum hat die regierende Schottische Nationalpartei (SNP) an Zustimmung gewonnen.

Finanziell abhängig von London

Alle fünf Parteien im Parlament in Edinburgh hatten für den Verbleib in der EU geworben. Die Sympathie vieler Schotten für Europa hat unterschiedliche Gründe: Ihre Wirtschaft auf dem Export, und viele schätzen den Schutz, der europäischer Regelungen genießen. "Die meisten Schotten glauben an einen starken Staat und lehnen die Privatisierungspolitik der Regierung in London ab", sagt der Geschichtsprofessor Tom Devine von der Universität in Edinburgh.

Auch die Zuwanderung, eines der Hauptargumente der Brexit-Befürworter, verbreitete in Schottland weit weniger Schrecken als in England: Während viele Engländer die zahlreichen Immigranten aus der EU eher als Konkurrenten um Arbeit und Belastung der Sozialsysteme betrachten, ist Schottland wegen seiner alternden Bevölkerung in ländlichen Regionen auf die Zuzügler angewiesen. Eine Unabhängigkeit würde für Schottland allerdings auch Risiken bergen - vor allem finanziell, denn die Region ist von der Ölförderung abhängig. Dementsprechend hart trifft sie derzeit der Ölpreisverfall. "Die Schotten bremst bei ihren Bemühungen um einen Abschied von Großbritannien nur eine Sache, und das ist die finanzielle Abhängigkeit vom Haushalt in London", sagt Joachim Fritz-Vannahme von der Bertelsmann-Stiftung.

Plötzlich EU-Außengrenze

Auch in Nordirland beflügelt die Brexit-Debatte alte Abspaltungsfantasien von Großbritannien: Die beiden früheren britischen Premierminister Tony Blair und John Major warnten kürzlich bei einem Besuch in der Provinz vor einem Wiederaufflammen der Gewalt im Fall eines Brexits. Die EU, die Reisefreiheit und der freie Warenverkehr auf der Insel seien ein wichtiger Faktor gewesen, um das Karfreitags-Abkommen schmieden zu können, sagte Blair. Ein Austritt aus der EU bringt laut britischem Finanzminister George Osborne unausweichlich Grenzkontrollen zwischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland mit sich.

Und so erklärte der stellvertretende Erste Minister Nordirlands, Martin McGuinness, am Freitag gleich, dass die britische Regierung nach dem Brexit-Entscheid die demokratische Pflicht habe, ein Referendum über eine Vereinigung Nordirlands mit Irland anzusetzen. McGuinness gehört der Sinn Fein an, die hauptsächlich von katholischen Nationalisten unterstützt wird und Nordirland wieder mit Irland vereinen möchte. Die Mehrheit der Bevölkerung in Nordirland stellen jedoch Protestanten, die Teil Großbritanniens bleiben wollen. Die Erste Ministerin Nordirlands, Arlene Foster, wies McGuinness’ Forderung nach einem Referendum umgehend zurück. "Selbst wenn es eine Volksabstimmung gäbe, ist es unmöglich, dass sie zugunsten eines vereinten Irland ausginge", so die Chefin der pro-britischen Demokratischen Unionistenpartei.