Brüssel/Wien. Auf die Euphorie vieler Brexit-Befürworter folgte in Großbritannien nur kurz nach der Abstimmung über einen Austritt des Landes aus der EU die Ernüchterung. Die Briten - sowohl die Bevölkerung als auch die Regierung - bekommen nun offenbar kalte Füße und wollen den Antrag auf Austritt hinauszögern. Dazu droht der Zerfall Großbritanniens.

Johnson: Verbleib im Binnenmarkt - EU-Bürger behalten RechteGroßbritannien wird nach dem EU-Austritt weiterhin Zugang zum EU-Binnenmarkt haben und die drei Millionen Unionsbürger im Land werden ihre Rechte in vollem Umfang behalten. Dies betonte der Wortführer des Brexit-Lagers, Boris Johnson, in einem am Sonntag veröffentlichten Zeitungsbeitrag. Johnson bekräftigte, dass es "keine Eile" inbezug auf die Austrittsverhandlungen mit der EU gebe.

"Es wird weiterhin freien Handel und Zugang zum Binnenmarkt geben", schrieb Johnson in seiner Kolumne für den "Telegraph". Die in Großbritannien lebenden EU-Bürger werden ihre Rechte in vollem Umfang geschützt sehen, versicherte der Anwärter auf die Nachfolge des nach dem Austrittsvotum zurückgetretenen Premierministers David Cameron. Johnson widersprach auch Analysen, wonach die Migrationsfrage der entscheidende Faktor für das Austrittsvotum gewesen sei. Allerdings müsse die künftige Migrationspolitik "den Bedürfnissen von Wirtschaft und Industrie" angepasst werden.

 Schotten wollen Unabhängigkeit

Schottland will unverhohlen mit einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum raus aus Großbritannien und dafür gleich rein in die EU. Brüssel drängt unterdessen London immer stärker auf eine rasche Entscheidung, endlich den Austrittsantrag formell zu stellen.

Dem stellte sich zuletzt der britische Außenminister Philip Hammond klar entgegen. Nur Großbritannien habe das Recht, über den Zeitpunkt des Antrags auf Austritt zu entscheiden, betonte er. Damit dürfte er auch formal Recht haben, denn in Artikel 50 des Lissabon-Vertrags sind derartige konkrete Dinge im Fall eines Ausscheidens eines Landes nicht klar geregelt. Lediglich dass die Austrittsverhandlungen zwei Jahre dauern sollen, ist enthalten. Aber selbst dann gibt es die Möglichkeit einer Verlängerung solcher Gespräche - ohne konkretes Limit.