Oberzyniker Boris Johnson, der konservative Ex-Bürgermeister von London, der nun gerne als Premierminister in die Downing Street 10 einziehen würde, hat, wie auf der Social-Media-Plattform Twitter geätzt wurde, mit seiner Unterstützung für den Brexit hunderttausende Jobs geopfert, um für sich einen neuen zu schaffen. Für Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen UK Independence Party, war der Tag der Abstimmung ein Jubeltag: Der frühere Investmentbanker sprach vom Sieg der "echten Leute, der gewöhnlichen Leute, der anständigen Leute", so als wären jene, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt haben (immerhin 48 Prozent), unecht, abgehoben und unanständig. Farage dominierte, nachdem die Bürger das Ergebnis des Urnengangs erfahren hatten, die Fernsehschirme. Die Briten müssen gedacht haben, Farage sei der neue Premier - er, der mit Lügen, Unwahrheiten und Hetze von Anfang an Stimmungsmache betrieben hatte - bis nach mehreren Schreckstunden endlich die vergleichsweise seriöseren Vertreter der EU-Austrittskampagne zu sehen und zu hören waren.

Eine Insel vor Europa?

Das Verhältnis der Briten zur EU (und dem Vorgänger EG) war nie besonders herzlich: Der Eintritt in die Union war in den frühen 70er Jahren eine Antwort auf den Niedergang des Landes nach dem Zerfall des Empire. "Die Beziehungen waren transaktional und mehr vom wirtschaftlichen Wohlergehen des Kontinents abhängig. "Großbritannien war - um es etwas unfreundlich zu sagen - ein Schönwetterfreund", schreibt der britische Historiker Timothy Garton Ash am Tag nach dem Referendum im britischen "Guardian".

Die britische Boulevardpresse ist offen EU-feindlich, die Euroskeptiker machten dem Wahlvolk weis, Großbritannien sei einmal ein Imperium gewesen und von den Ketten Brüssels befreit, könne die Inselnation wieder zu alter Größe zurückfinden. Die Brexiteers haben den Wählern weisgemacht, mit einem Kreuz an der richtigen Stelle können sie Globalisierung, Osterweiterung, Migration und fortschreitende soziale Ungleichheit abwählen und den kosmopolitischen Eliten in den Städten einen Denkzettel verpassen. Das Brexit-Versprechen lautet: "Wir holen unser Land zurück." Dieser Satz kommt auch aus dem Mund von Marine Le Pen in Frankreich, Geert Wilders in Holland, Frauke Petry in Deutschland oder Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache in Österreich. Die Rechtspopulisten und Rechtsradikalen feiern ihren "patriotischen Frühling".

Der verlorene Traum

"Jeder Krise wohnt ein Zauber inne: Sie bietet die Chance zu einem Reset, zu einer Neuvermessung der Gegenwart. Europas Zukunft wird sich im Kampf zwischen Europa-Architekten und Nationalstaats-Orthodoxen entscheiden", war 2014 vor der Wahl zum Europaparlament im "Wiener Journal" der "Wiener Zeitung" zu lesen: Zwei Jahre später sieht es so aus, als würden die Nationalstaats-Orthodoxen die Oberhand behalten, wenn Europa nicht endlich erwacht. Der Kontinent wird diesem patriotischen Frühling eine neue europäische Utopie, einen neuen europäischen Traum entgegenstellen müssen, sonst ist der Kontinent verloren.