Premier David Cameron agiert nur noch als Masseverwalter. Bis Donnerstag soll die Kandidatenliste für die Nachfolge stehen. Gegen Boris Johnson bringt sich Innenministerin Theresa May in Stellung. - © afp/Neal
Premier David Cameron agiert nur noch als Masseverwalter. Bis Donnerstag soll die Kandidatenliste für die Nachfolge stehen. Gegen Boris Johnson bringt sich Innenministerin Theresa May in Stellung. - © afp/Neal

London. Die Briten wollen die Bildung einer neuen Regierung beschleunigen, um den gegenwärtigen Zustand der Ungewissheit in London zu beenden. Über den Juli und August hinweg will die Konservative Partei einen neuen Vorsitzenden wählen. Dieser wäre dann unmittelbar auch neuer Premierminister und könnte Austrittsverhandlungen mit der EU aufnehmen.

Noch diesen Donnerstag soll die Kandidatenliste für den Tory-Vorsitz feststehen, und bis spätestens 2. September soll der Nachfolger David Camerons gewählt sein. Damit gibt die Regierungspartei dem Druck nach, den EU-Partner und Märkte zurzeit auf London ausüben. Vor allem die erneute Unruhe an den Börsen hatte bewirkt, dass nun nicht mehr bis Oktober oder November mit der Neuformation der Regierung gewartet werden soll.

Die Lage an den Märkten wird als zunehmend ernst betrachtet. Natürlich werde man sich "an die neue Situation, in der wir uns befinden, anzupassen haben", meinte Schatzkanzler George Osborne. Dazu sei die britische Wirtschaft aber zweifellos in der Lage. Der Minister, der das ganze Wochenende über geschwiegen hatte, räumte allerdings auch ein, "dass einige Firmen weiter Investitionen und Neueinstellungen aufschieben werden und dass das Folgen für die Wirtschaft und für die öffentlichen Finanzen haben wird". Trotz des Versuchs Osbornes, die allgemeine Nervosität einzudämmen, sanken die Aktien weiter.

Das Brexit-Votum hat Großbritannien unterdessen eine Abstufung durch die US-Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) beschert. Die Briten haben nun kein Toprating von AAA mehr, sondern liegen nur noch bei AA - zwei Stufen tiefer. Der Ausblick ist negativ, wie S&P mitteilte.

Osbornes Vorgänger als Finanzminister, der Labour-Politiker Alistair Darling, drängte am Montag darauf, dass die Regierung das "politische Vakuum" füllen müsse, das nach dem Brexit-Referendum entstanden sei und "schweren Schaden" anrichte. Darling sagte: "Wir haben keine Regierung. Wir haben keine Opposition. Die Leute, die uns dieses Schlamassel beschert haben, sind abgetaucht." Er persönlich finde die jetzige Lage beängstigender als die Situation im Jahr 2008, als er mit dem Credit Crash zu tun hatte, fügte Darling hinzu.

Noch-Premier Cameron erschien am Montagnachmittag im Unterhaus, um zum Ausgang des Referendums Stellung zu nehmen. Er habe dieses Ergebnis nicht gewollt und sei in Sorge wegen der Konsequenzen, sagte Cameron, aber er respektiere die Entscheidung der Nation. Man habe bereits eine Abteilung mit Topexperten aus mehreren Ministerien eingesetzt, die mit Vorarbeiten beginnen sollen. Eine Entscheidung über Großbritanniens Verhandlungsziele werde allerdings erst von der Nachfolge-Regierung getroffen werden.