Wien/London. "Wie lange es nun wirklich dauert, wird man sehen." Stephan Denk, Partner der Wirtschaftskanzlei Freshfields, spricht in Sachen Brexit den großen Satz gelassen aus. Der frühestmögliche Zeitpunkt einer Brexit-Abwicklung wäre wohl Oktober 2018 - denn Großbritanniens Premier David Cameron will erst im diesjährigen Oktober das Zepter abgeben, und erst sein Nachfolger solle die Trennungsverhandlungen mit der EU beginnen. Die sind laut dem berühmten Artikel 50 auf zwei Jahre ab Einleitung der Verhandlungen befristet. Hier liegt aber der erste Hase im Pfeffer: Wann beginnen die Verhandlungen?

"Die Regelung von Artikel 50 ist dahingehend relativ unklar", urteilt Denk: "Ist das Referendum schon eine Notifikation", und damit der Anpfiff der Verhandlungen? Allerdings ist ja das Referendum selbst nicht einmal rechtlich bindend. Sollten sich Politiker und Juristen darauf einigen, dass Großbritannien eine offizielle Benachrichtigung an die EU in Sachen Austritt schicken soll, können sich die Verhandlungen "bis zum St. Nimmerleinstag hinauszögern. Aber es gibt Gegenstimmen", erklärt Denk, die finden, das sei nicht im Sinne des Erfinders. Also meinen manche Juristen, dass es vielleicht für einen Kick-off keines formellen Briefes bedarf, sondern nur eines britischen Premiers, der sagt, man respektiere das Ergebnis des Brexit-Referendums.

Dass London aber zögert, irgendwelche Schritte zu setzen, sei verständlich. Fängt die Uhr an zu laufen, liegt inhaltlich laut Artikel 50 die Verhandlungsmacht bei der EU, erläutert Florian Klimscha, Partner bei Freshfields. Die Zwei-Jahres-Frist wird nur verlängert, wenn beide Seiten zustimmen. Und wenn es keine Einigung innerhalb der zwei Jahre gibt, so kommt es eben zu einem "Dirty Exit". Gesondert davon zu betrachten, aber wohl nicht ganz sauber zu trennen, sind die Verhandlungen für das Verhältnis danach. Wird Großbritannien quasi ein Ehrenmitglied nach Vorbild von Norwegen, das Zugang zum Binnenmarkt genießt, dafür einen finanziellen Beitrag in die EU-Kassa leisten muss, aber nicht in die EU-Gesetzgebung Einfluss nehmen kann? Der kleinste gemeinsame Nenner wäre einfach das gemeinsame Regime der Regeln der Welthandelsorganisation WHO. Hier darf es dann keine Vorzugsbehandlung geben, denn auch in der WHO herrscht das Prinzip der Nicht-Diskriminierung. Was für Botswana gut genug ist, muss dann auch für Großbritannien gut genug sein.

Allerdings regelt der Auffangschirm WHO nur den Warenhandel, erinnert Klimscha: Und fast 70 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts werden durch Dienstleistungen erwirtschaftet. Er, Klimscha, könne sich übrigens nicht vorstellen, dass die EU besonders kulant agiert und für Großbritannien Übergangsfristen für die vier Grundfreiheiten (neben freiem Verkehr von Waren und Dienstleistungen auch der von Personen und Kapital) einführt. "Die EU will einen sauberen Cut." Man wolle ja "keine Präzedenzfälle schaffen", ergänzt Denk. Mit der Schweiz habe die EU gezählte 129 bilaterale Verträge, dieses Modell sei laut EU-Juristen zu kompliziert, um es für Großbritannien eine Vorlage zu sein.

Wegfallende Bestimmungen im Bankensektor

Wie würde also eine Zeit danach aussehen? Großbritannien muss auf jeden Fall sein Gesetzesportfolio durchforsten, EU-Regelungen sind praktisch überall zu finden. Eine Möglichkeit wäre, fürs Erste eine Art Kontinuitätsregelung für weiter bestehende Geltung von EU-Gesetzen zu beschließen. Das sei aber insofern heikel, als es diametral den Wünschen der Brexit-Befürworter entgegenläuft, die sich endlich Selbstbestimmung wünschen. Er denke da etwa an die von der EU (mittels Richtlinie) auferlegten Beschränkungen für Bonus-Zahlungen für Banker, so Klimscha.

Und selbst wenn es vorläufig zu einer Fortschreibung von EU-Gesetzen käme, würde das nicht die EU-Verordnungen mitabdecken. Damit wäre Großbritannien etwa nicht mehr an die Russland Sanktionen gebunden. Im Bankensektor würde der Wegfall der EU-Verordnung über Kapitalerfordernisse Unruhe in Banklizenzen, Eigenmittel und Großkredite bringen. Das schmerzt: Die City of London hat bisher als Finanzplatz von sich reden gemacht. Und ein Headquarter in der britischen Hauptstadt hat Banken etwa aus den USA den notwendigen "Pass" besorgt, um EU-weit Geschäfte zu machen.

Vor diesem Hintergrund seien "zwei Jahre viel zu kurz", um sich umzustellen, meint Denk. Das spricht fürs Zeitschinden seitens Großbritanniens. Andererseits wäre es auch für die Unternehmen wichtig, Planungssicherheit zu haben.

Laut einer Umfrage des Firmenchef-Netzwerks Institute of Directors (IoD) gaben 22 Prozent der Mitglieder - britische Unternehmen - an, dass sie über die Verlagerung ihrer Geschäfte ins Ausland nachdenken, wie der Verband am Montag mitteilte. Knapp jeder vierte Befragte (24 Prozent) will demnach vorerst keine neuen Arbeitskräfte einstellen.

Das IoD hatte von Freitag bis Sonntag mehr als 1000 seiner Mitglieder zu den Folgen der Entscheidung befragt.