Schon jetzt, klagen junge Londoner, sei ihnen wegen der unglaublichen Überteuerung von Immobilien und Mieten der Zugang zu Wohnraum verwehrt, ein eigenständiger Start ins Leben fast unmöglich. Nun lade "die besitzende Klasse" ergrauter Hausbesitzer ihnen auch noch den Preis des Brexit auf die Schultern und suche sie vom Kontinent abzukoppeln - möglicherweise auf viele Jahrzehnte hin.

Späte Erkenntnis

Unterdessen müssen die Erst- und Jungwähler einräumen, dass die wenigsten von ihnen, weniger als die Wähler aller anderen Altersstufen, überhaupt an die Urnen gegangen sind. Ihre Chance, die Entscheidung zu beeinflussen, hat nur rund ein Drittel der 18- bis 25-Jährigen genutzt. Zwei Drittel haben sich von der Frage der EU-Zugehörigkeit nicht betroffen gefühlt oder nicht gewusst, wofür sie sich entscheiden sollten. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung bei über 71 Prozent.

Und keineswegs alle EU-Gegner sind ins Lager der Reumütigen gewechselt. Viele halten auch jetzt noch die Warnungen vor den Brexit-Folgen für "reine Angstmacherei". Die meisten Brexit-Wähler sehen in den ersten nervösen Marktreaktionen eine vorübergehende Erscheinung. In vielen Teilen der englischen Provinz fanden vergangenes Wochenende sogar kleine Siegesfeiern statt, bei denen man rundum froh auf "die neue Unabhängigkeit" anstieß.

Bei jenen 48 Prozent der Wähler aber, die in der EU bleiben wollten, ist die vergangenen Tage über immer mehr Zorn aufgekommen. Genährt wird dieser vom Wissen, dass die Brexit-Seite während der Kampagne Dinge versprochen hat, von denen sie nun ihrerseits nichts mehr wissen will. Keineswegs so viel an EU-Beiträgen wie gelobt kann nun beispielsweise gespart und "ins Nationale Gesundheitswesen investiert" werden. Das räumen inzwischen auch die führenden Brexiteers ein. Und auch Zuwanderung aus der EU kann nicht einfach gestoppt werden, wenn man weiter im Binnenmarkt bleiben möchte. Das war das wichtigste Brexit-Versprechen. Aber auch das war "so nicht gemeint".

In ihrer Empörung über diesen "Betrug", und um ihre Verbundenheit mit dem Rest Europas zu bekunden, beginnen immer mehr Wähler nach Umkehr zu rufen. Der Ruf nach Neuwahlen, auch nach einem zweiten Referendum, wird lauter. Offen wird die Frage diskutiert, ob das Westminster-Parlament, der wahre Souverän auf der Insel, einen Brexit stoppen könnte und sollte. Auch einzelne Abgeordnete haben sich bereits für eine solche Bremsaktion eingesetzt.

Eine Online-Petition, die Gelegenheit zu einem Neuentscheid fordert (und witzigerweise von einem Brexit-Befürworter initiiert wurde), verzeichnet derweil bereits mehrere Millionen Unterschriften. Aber die gegen den Brexit-Entscheid rebellieren, zieht es jetzt auch auf die Straße.

Vor allem in London, wo eine klare Mehrheit für die EU gestimmt hat, rumort es. Für Dienstagabend hatten Zehntausende ihre Teilnahme an einer EU-Solidaritäts-Kundgebung auf dem Trafalgar Square angekündigt. Die Ralley wurde aber in letzter Minute "aus Sicherheitsgründen" abgeblasen. Auch in anderen Großstädten wurden Zusammenkünfte abgesagt und verschoben. Den Veranstaltern war die Atomsphäre offenbar zu aufgeheizt.

Solidarität mit zwei bestimmten Gruppen von Mitbürgern, nämlich den Zugewanderten und den ethnischen Minderheiten, gelobten derweil diejenigen, die Großbritannien weiter als "weltoffenes Land", ohne Zäune und Mauern, sehen wollen. Denn der Brexit und die Anti-Migranten-Rhetorik der vergangenen Wochen haben ein paar üble Dinge hochgespült. Überall im Land werden plötzlich fremdenfeindliche Äußerungen und rassistische Aktionen gemeldet.