Das Geschäft der Rechtspopulisten besteht darin, mit einer Politik der Gefühle all jene, die das rationale Argument vorziehen, als abgehobene Experten abzukanzeln, die jeglichen Kontakt zum "wahren Volk" verloren haben. Andersdenkende werden angefeindet und Künstlern und Uni-Professoren schickt man Schocktruppen im Gewand der "Identitären" ins Haus. Eine wehrhafte Demokratie wird sich der Propaganda und Einschüchterung der von Putins Russland gönnerhaft unterstützten Rechtspopulistischen und Nationalistischen Internationalen robust und selbstbewusst in den Weg stellen müssen.

Der Niedergang traditioneller Medienkanäle hat zudem die Sitten verrohen lassen und den aufgeklärten Citoyen zivilisierter Diskursräume beraubt. Wo früher das beste Argument abgewogen wurde, bekommt in der neuen Ökonomie der Aufmerksamkeit Gehör, wer die schrägsten Sätze am schrillsten herauskrakeelt.

Boulevardmedien erklären der post-proletarischen Unterschicht, die Boulevard und Rechtspopulisten zur Hetzmasse in Elias Canettischen Sinn umformen wollen, dass der neue Klassenfeind aus Polen oder Rumänien kommt und nicht nahe dem Londoner Kensington Garden oder in Mayfair wohnt, oder im Flüchtlingsheim und nicht in der Kaasgrabengasse, Bellevue- oder Himmelstraße, wo Wiens Noblesse Tür an Tür mit den Nouveau riche wohnt - so als wären syrische Flüchtlinge an den knappen Kassen der öffentlichen Haushalte schuld und nicht die Rettung von Pleite-Banken, die Steuerschon-Tricks der Superreichen und der Konzerne, oder der Widerstand gegen Erbschafts- und Vermögenssteuer.

Wo die Infrastruktur der Demokratie - gehaltvolle Massenmedien - kollabiert, gerät das Gemeinwesen ins Trudeln.

Was, wenn der Souverän unrecht hat? Die Schlussfolgerung: Der Souverän hat die verdammte Pflicht, sich über die Entscheidungen, die in der Demokratie anstehen, eingehend und umfassend zu informieren. Wer das nicht tut, handelt fahrlässig und unverantwortlich. Freilich braucht der Citoyen ein Medien-Ökosystem, das Wählerinnen und Wähler informiert und auch herausfordert und nicht in einer diffusen Gefühlsmelange bestärkt, die Meinungs-Silos in den Sozialen Medien müssen aufgebrochen und die Diskurs-Kultur dort muss verbessert werden.

Russisches Roulette

Wahlen und Referenden sind zu wichtig, um sie dem bipolaren Stimmungsschwankungen einer "Politik der Gefühle" zu überlassen. Der US-Ökonom Kenneth Rogoff klagte in einem Kommentar für das "Project Syndicate" über die "absurd niedrige Anzahl nötiger Stimmen für einen Austritt, nämlich nur eine einfache Mehrheit. Angesichts einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent hatte die Kampagne für einen Brexit tatsächlich nur die Unterstützung von 36 Prozent der Wahlberechtigten." Dies sei keine Demokratie, schreibt Rogoff, "sondern russisches Roulette für Republiken". Rogoff plädiert in seinem - übrigens hitzig diskutierten und mit einigen guten Argumenten auch scharf kritisierten - Text für höhere Hürden, etwa eine 60-Prozent-Mehrheit. So sehr Rogoff auch kritisiert wurde, die ketzerische Frage, ob der Souverän nicht auch irren kann, ist angesichts der Brexit-Entscheidung legitim.

Die kanadische Historikerin Margaret MacMillan weist in diesem Zusammenhang in Text für die kanadische Zeitung "The Globe and Mail" auf die Ironie hin, dass das Referendum die Autorität der geachteten britischen Institution, des Parlaments unterminiert hat. Warum wählt man eigentlich Volksvertreter, wenn man ihre Entscheidungen in Referenden hinterfragt? MacMillan hat damit die derzeitige Verfassungskrise in Großbritannien (vielleicht sollte man bald England schreiben) gut auf den Punkt gebracht: Denn wie soll Westminster - wie vom Wahlvolk mit 52-prozentiger Mehrheit gewünscht - über ein Rechtsmaterie zum EU-Austritt abstimmen, wenn die Mehrheit im Ober- und Unterhaus gegen einen solchen Austritt ist? Als Resume findet sich im Barbara Tuchmans Buch "Die Torheit der Regierenden" folgender, resignativer Satz: "Wir können nur weiterwursteln, wie wir es in diesen drei- oder viertausend Jahren getan haben . . ."

Nein. Können wir nicht.