Wien. (kle) Nach dem britischen Votum für den EU-Austritt scheint vieles alles andere als klar zu sein. Christoph Leitl hat jedenfalls den Eindruck, dass man in "Großbritannien selbst nicht weiß, wie es jetzt weitergehen soll". Der Chef der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) meint deshalb: "Alles ist offen." Bisher sei noch kein Austrittsantrag gestellt worden. "Jene, die den Brand gestiftet haben, haben ihre Lügen schon eingestanden. Jetzt stehlen sie sich davon und hinterlassen ein gespaltenes und zerrissenes Land", so Leitl in einer Pressekonferenz am Dienstag. Er hält es sogar für möglich, dass die Abstimmung wiederholt werden könnte.

Sollte es trotzdem zum Brexit kommen, wären die wirtschaftlichen Folgen im Vereinigten Königreich "stark negativ", während sie für die EU-Länder zwar auch "negativ, aber überschaubar" wären, verweist Leitl auf eine für die WKÖ erstellte Kurz-Analyse des ehemaligen IHS-Leiters Christian Keuschnigg, der nun an der Universität St. Gallen tätig ist. Demgegenüber hält Wifo-Chef Karl Aiginger in einer für die Kammer bestimmten Einschätzung fest, dass zwar die durch den Brexit bewirkte Unsicherheit angesichts der eben in Europa einsetzenden wirtschaftlichen Erholung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt komme. Dessen Auswirkungen hielten sich bei einem professionellen Management des Austritts jedoch in Grenzen.

EWR weiterentwickeln

In dieser schwierigen Lage sei es Aufgabe der Wirtschaft, "in Alternativen zu denken", betont Leitl. "Ein Plan B könnte sein, auf der einen Seite mit Großbritannien und anderen Ländern wie Norwegen, die ebenfalls an einer engen wirtschaftlichen Kooperation interessiert sind, eine große europäische Freihandelszone zu errichten." Diese könnte auch für Länder wie die Türkei oder die Ukraine geöffnet werden. Mit rund einer Milliarde Menschen wäre sie ein "wichtiger Faktor in der globalisierten Wirtschaftswelt", so der WKÖ-Chef. Eine solche Weiterentwicklung des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) bringt auch Keuschnigg in seiner Kurz-Analyse ins Spiel. Denkbar wäre auch eine Erweiterung um Nordafrika und den Nahen Osten.

Daneben, so Leitl, müsste es innerhalb der EU eine stärkere politische Zusammenarbeit in Richtung einer politischen Union geben. "Mit einer solchen europäischen Föderation könnte die Zusammenarbeit nicht nur im ökonomischen, sondern auch im sozialen und ökologischen Bereich, in Fragen der Infrastruktur, Wissenschaft, Bildung und Innovation verstärkt werden." Laut Leitl wäre diese "durchaus kompatibel" mit den Wünschen der Briten. "Niemand ist gezwungen, aber jeder, der will, kann auch mitmachen."

Nicht zum Nulltarif

Klar sei freilich, dass der - im Rahmen einer Europäischen Wirtschaftszone ermöglichte - Zutritt zum europäischen Binnenmarkt nicht zum Nulltarif zu haben sei, wie Leitl weiter erklärte. So wie jetzt Norwegen für den Zutritt zum EU-Binnenmarkt via EWR rund 80 Prozent des Beitrags entrichte, der für eine Vollmitgliedschaft in der EU anfallen würde, müsste natürlich auch Großbritannien einen fairen und angemessenen Beitrag in dieser Größenordnung zahlen. Leitl spricht dabei von fünf bis sechs Milliarden Euro. "Damit würde sich für kein jetziges EU-Land die EU-Beitragszahlung wegen eines Brexit erhöhen", gibt er zu bedenken. Im Unterschied zu einer EU-Mitgliedschaft könnten EU-Regeln jedoch nicht mitbestimmt, sondern nur nachvollzogen werden.

Christian Kesberg, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in London, berichtet, dass die rund 1000 österreichischen Betriebe, die in UK tätig seien, mit einer "angstvollen Form der Gelassenheit" auf das Brexit-Votum reagiert hätten. "Wir wissen nicht, was auf uns zukommt", sagt Kesberg. Die mittel- bis langfristige Betroffenheit österreichischer Unternehmen hänge jedenfalls wesentlich von der künftigen Form der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien ab.

Für Österreich ist Großbritannien der achtgrößte Exportmarkt. 2015 bescherten die dorthin ausgeführten Waren und Dienstleistungen rund sechs Milliarden Euro Umsatz. Der Handelsbilanzüberschuss von fast zwei Milliarden Euro zugunsten Österreichs wird nur von jenem mit Frankreich und den USA übertroffen.