London/Peking. Nicht einmal ein Jahr ist es her, als der damals amtierende britische Premierminister David Cameron seinen Staatsgast Xi Jinping in ein Pub einlud. Der chinesische Präsident prostete seinem Gastgeber generös mit einem Pint Greene King IPA zu und rief das "goldene Zeitalter" der Beziehungen zwischen den beiden Ländern aus: "Niemals kann ein Berg zu hoch oder ein Ozean zu tief sein", bemühte Xi ein altes Sprichwort aus China für die frisch geknüpften Bande.

Acht Monate später bleibt vom Bier nur noch der Kater, denn selbst wenn Ozeane und Berge überwunden werden können - der Brexit dürfte sich als Beziehungskiller für die recht junge Liebe erweisen. Denn obwohl sich die Briten insbesondere bei besagtem Staatsbesuch bis zur Unterwürfigkeit verbeugten, ließ sich Xi von den Huldigungen nur mäßig beeindrucken. Stattdessen forderte er Großbritannien zumindest indirekt auf, in der EU zu verbleiben. Ein für seine Politik höchst ungewöhnlicher Schritt - denn er steht im Widerspruch zum chinesischen Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder.

Bekanntermaßen haben die Briten nicht auf Xis Machtwort gehört, und dieser ist nun über den Ausgang des Referendums not amused. Denn zumindest mittelfristig zählt auch China zu den Verlierern des Brexit: Wie alle anderen größeren Volkswirtschaften ist das Reich der Mitte von der durch das Referendum ausgelösten Unsicherheit auf dem Finanzsektor betroffen. Unmittelbar nach dem Votum fiel der Yuan auf ein Fünf-Jahres-Tief. Eine geschwächte europäische Wirtschaft wird auch die chinesischen Exporte in die Region und entsprechende Investments beeinflussen.

"Angesichts einiger kurzfristiger Fluktuationen sollten die Märkte ruhig bleiben", bemühte sich Premier Li Keqiang beim WEF Wirtschaftsforum in Tianjin, die Investoren zu beruhigen. Tatsächlich hat der Ausgang des Entscheids auch seine Regierung auf dem falschen Fuß erwischt, denn mit Großbritannien verliert China seinen zuverlässigsten Fürsprecher innerhalb der EU. Kein anderes Land setzte sich innerhalb der Union so stark für die Gewährung des umstrittenen Marktwirtschaftsstatus für China ein; bis zur Selbstaufgabe klammerten die Briten auch das heikle Thema der Menschenrechte in den letzten Jahren komplett aus.

Das war freilich nicht immer so: Noch 2007 äußerte sich Cameron bei einer Reise durch China ziemlich unverblümt zu den politischen Repressionen im Land, 2012 wurde er vorübergehend zur persona non grata, als er den Dalai Lama in London empfing. Das änderte sich, als Xi 2013 Staatspräsident wurde und sich Schatzkanzler George Osborne mit den Worten "Ich sehe keinen fundamentalen Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und legitimen Problemen der Menschen im Umgang mit Menschenrechten" zum Architekten des "goldenen Beziehungszeitalters" aufschwang. Mittelfristig gesehen wird China seinen bequemsten Partner innerhalb der EU durchaus vermissen - auch, weil bereits getätigte Milliardeninvestitionen neu überprüft werden müssen und der Finanzstandort London als Hauptpfeiler für die Internationalisierungsbemühungen des Yuan durchaus in Frage gestellt werden könnte.