Wien. "Am Anfang war Panik, dann sickerte die Realität ins Bewusstsein ein und nun macht sich Unsicherheit breit, die Stimmung ist ziemlich negativ", ärgert sich Martin Sykora über das Brexit-Votum. Der Brite mit slowakischen Wurzeln, Professor für Computerwissenschaften an der Universität Loughborough in den Midlands, zählt auf: "Wir haben einen überproportionalen Anteil an EU-Studenten und Forschern. Das Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 ist einer unserer größten Geldgeber. Wenn wir uns trotzdem weiterhin beteiligen können, werden wir nicht mehr federführend sein. Das ist ein völlig unnötiges Problem, es ist ein Desaster."

Noch nehmen britische Organisationen an rund 40 Prozent aller Forschungsprojekte der Europäischen Union teil. Sie beziehen 15,4 Prozent der Mittel und sind nach Deutschland ein Spitzenreiter bei Rückflüssen aus EU-Forschungsgeldern. Das zeigt die Studie von der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und FAS Research zu den Folgen des Brexit für Wissenschaft und Forschung. Ob der Brexit ein Ende für britische Beteiligungen bedeutet, hängt davon ab, wie hart die Austrittsverhandlungen geführt werden. Das wiederum hängt davon ab, wer wen am dringendsten in der Forschung braucht.

Drohender Qualitätsverlust

"Aufgrund der Tradition britischer Top-Unis wäre vor allem die Spitzenforschung von einem Ende der EU-Mittel betroffen. Sie müsste sich neue Gelder suchen und würde Europa fehlen", sagt Studienleiter Andre Martinuzzi, WU-Professor am Institut für Nachhaltigkeitsmanagement, der seit 15 Jahren EU-Projekte koordiniert.

Über die Forschungsrahmenprogramme fördert die EU Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in ihren Mitgliedsländern. Gelder gibt es für Konsortien aus Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Klein- und Mittelbetrieben und Industrie, die über die Ländergrenzen zusammenarbeiten. Exzellenzförderungen werden an herausragende Forscher ad personam vergeben, Mobilitätsförderungen für Auslandsaufenthalte.

Untersucht wurden rund 27.000 Projekte, die zwischen 2007 und 2015 mit 70 Milliarden Euro gefördert wurden. "Wie sich zeigte, sind die Briten enorm stark vernetzt. Ein Zehntel der Beteiligten stammt aus Großbritannien, jedoch unterhält dieses Zehntel ein Fünftel aller Arbeitsbeziehungen. Wenn sie wegfallen, würde das ein Loch in die EU-Forschungsnetzwerke reißen", so Martinuzzi. Österreich würde mit England seinen nach Deutschland zweitwichtigsten Kooperationspartner verlieren. An mehr als der Hälfte (53,9 Prozent) aller Projekte mit Österreich-Beteiligung machen auch Briten mit, besonders in Gesundheitsforschung, Informationstechnologien und wichtigen Zukunftsbereichen wie Energie und Umwelt.

"Die Förderlandschaft bildet vieles ab, was an Forschung in einem Land stattfindet. Großbritannien ist aufgrund seiner Tradition herausragender Unis eines der größten Zentren exzellenter Forschung und somit auch in EU-Programmen für Spitzenforschung sehr stark vertreten", erklärt der WU-Forscher. Eine Spitzen-Uni wie Cambridge konnte innerhalb von zehn Jahren ihre EU-Fördersummen von 20 Millionen auf 60 Millionen Euro verdreifachen. Ob ebenso viel aus den Beträgen, die sich Großbritannien an EU-Beiträgen erspart, zurück in die Forschung fließt, muss sich weisen. Aufgrund der unklaren Rahmenbedingungen und der langwierigen Austrittsverhandlungen hätten europäische Projektpartner jedenfalls zunehmend Bedenken, Briten in führenden Positionen zu beteiligen, sagt Martinuzzi. "Für die Zukunft muss sich Europa überlegen, wie viel es auf eine Karte setzen will. Wenn Exzellenzzentren so plötzlich wegbrechen können, würde eine größere regionale Diversifizierung die Risiken minimieren."

Sechsfache Studiengebühren

Bestürzung äußerten Forscher bei der Europäischen Wissenschaftskonferenz ESOF Ende Juli in Manchester. Dort ärgerte man sich über die sachbefreiten Gründe für die Brexit-Entscheidung. Sie stünden im krassen Gegensatz zu evidenzbasierter Wissenschaft, betont Kongresspräsident Jerzy Langer in einem Offenen Brief, in dem er auch die Bedeutung weltweiter Zusammenarbeit für gute Forschung unterstrich. "In den letzen 30 Jahren haben wir eine europäische Wissenschaftscommunity aufgebaut und nun ist es wie eine Explosion mit destruktiven Konsequenzen. Wir haben uns nicht nur in unerforschte, sondern auch in stürmische und gefährliche Wasser begeben."

Da mediterrane Länder viel weniger Geld in Forschung investieren als Skandinavien, Deutschland oder die Niederlande, suchen viele Jungforscher Perspektiven im Norden - 3000 bis 4000 sind nach Großbritannien gegangen. "Nun aber machen sich die EU-Forscher bei uns Sorgen über die Zukunft", sagt Martin Sykora.

In Europa wiederum sehen junge Menschen allmählich von England-Aufenthalten ab. Studiengebühren könnten künftig nämlich das Sechsfache kosten. Viele Forschende sind dieser Perspektive finanziell nicht gewachsen.