Neun Monate nach dem Volksentscheid hat die britische Regierung den Antrag auf Austritt auf Austritt aus der Europäischen Union eingereicht. Der britische EU-Botschafter Tim Barrow übergab am Mittwoch in Brüssel ein entsprechendes Schreiben an EU-Ratspräsident Donald Tusk. Damit beginnen zwei Jahre komplizierter Verhandlungen zu den Details des Brexit. Vollzogen wird der Austritt voraussichtlich Ende März 2019.

Die Tatsache selbst wurde lakonisch mitgeteilt. Tusk twitterte: "Nach neun Monaten hat Großbritannien geliefert." Die britische Premierministerin Theresa May erklärte vor dem nationalen Parlament, die Briten müssten zusammenstehen. "Es gibt kein Zurück mehr", sagte May im Parlament in London.

Die Auswirkungen des EU-Austritts für Großbritannien lassen sich selbst von Experten schwer abschätzen. Politische, wirtschaftliche und rechtliche Verflechtungen müssen gelöst und neu gestaltet werden. An die Stelle gemeinschaftlicher Verträge müssen bilaterale Abkomen treten. Im Prinzip müssen alle Vereinbarungen, die vor dem Beitritt Großbritanniens 1972 getroffen wurden, rückgängog gemacht werden.

Löcher im EU-Budget

Die EU steuert zu den Ausgaben der 28 Mitgliedsländer rund zwei Prozent bei. In Osteuropa ist der Anteil aber höher: In Polen stammen rund acht Prozent des Etats aus den Beiträgen der anderen EU-Staaten für Brüssel, in Bulgarien - dem ärmsten Land der EU - ist es fast ein Fünftel. Ohne Großbritannien kann die EU rund ein Sechstel weniger an Empfängerländer wie diese verteilen.

Damit ist ein Streit zwischen den reicheren EU-Staaten in Westeuropa und dem Osten programmiert, wenn es um den siebenjährigen Budgetplan ab 2021 geht. In den Verhandlungen mit Großbritannien geht es zudem um die Zahlungsverpflichtungen der Briten gegenüber Brüssel. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker taxierte die Summe in der Financial Times zuletzt auf etwa 60 Milliarden Euro. Womöglich drohen die Briten mit der Kürzung von Mitteln für den laufenden Etat, wenn sich die Gespräche über die Schlussrechnung festfahren.

Machtbalance aus den Fugen

Mit dem Abschied Großbritanniens steigen auch die Sorgen von kleineren EU-Staaten wie den Niederlanden oder Dänemark, die sich bei Themen wie Freihandel oder Budgetdisziplin mit der Regierung in London auf einer Seite sehen. In Osteuropas Hauptstädten gibt es die Sorge, dass Deutschland und Frankreich die EU gegenüber den Nationalstaaten stärken wollen oder selbst Barrieren gegen Arbeitnehmer aus einkommensschwächeren Ländern errichten. Die Länder des Westbalkans verlieren mit den Briten wiederum einen ihrer Fürsprecher für einen EU-Beitritt.

Die 19 Staaten der Eurozone haben zugleich im Rat eine noch größere Mehrheit gegenüber den Nicht-Euro-Staaten, wenn die Briten gehen, und können damit eine Politik zugunsten der Gemeinschaftswährung durchdrücken.

Ein Auszug des Briefes an EU-Ratspräsident Donald Tusk.
Ein Auszug des Briefes an EU-Ratspräsident Donald Tusk.

Militärisch neigt sich die Balance Richtung Frankreich, das mit dem Abschied der Briten einzige Atommacht innerhalb der EU und einziges permanentes Mitglied im UNO-Sicherheitsrat ist. Wirtschaftlich wiederum erhöht sich das deutsche Gewicht deutlich, da sich Frankreich nur langsam erholt. Am deutsch-französischen Tandem dürfte in Zukunft jedenfalls noch weniger vorbeiführen als bisher.

EU verliert global an Einfluss

Großbritannien war für die Kontinentaleuropäer stets eine wichtige Brücke zu den USA. Die diplomatische und militärische Präsenz der Briten in der Welt - auch wenn diese unter Mays Vorgänger David Cameron schon abnahm - kam der EU zugute. Die harte Linie der Londoner Regierung gegenüber Russland hat vor allem Polen und den baltischen Ländern Rückendeckung gegeben. Der weichere Ansatz von Frankreich, Italien und teilweise auch Deutschland schürt dort die Sorge, dass die Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht mehr lange aufrechterhalten werden können.

Tabubruch EU-Austritt als Vorbild?

Die 27 verbleibenden EU-Staaten haben zuletzt in Rom ihre Einigkeit betont, mit der sie dem Brexit-Schock begegnen wollen. Diese Einigkeit dürfte in den Verhandlungen mit der Londoner Regierung früh auf die Probe gestellt werden. In Brüssel wird zudem befürchtet, dass andere EU-Staaten zwar nicht dem britischen Beispiel eines Austritts folgen, aber doch damit drohen könnten, wenn ihnen die EU-Politik nicht passt.

Verlust and Kultur und Wissen

Für Brüssel bedeutet der Brexit im gewissen Umfang einen "brain drain", also die Abwanderung hochqualifizierter Mitarbeiter aus den EU-Institutionen ins Königreich. Zwar sind längst nicht so viele Briten dort tätig wie etwa Deutsche oder Franzosen, ein Verlust an Kultur und Wissen bleibt trotzdem.

Vor allem kleine EU-Länder schätzen den eher lockeren Umgang der Briten mit EU-Fragen und fürchten die Zunahme von Regulierung durch die eher zentralistisch eingestellten französischen EU-Beamten. Trotz anderer Hoffnungen in Paris dürfte Englisch der EU als eine der Amtssprachen aber erhalten bleiben, da die nord- und osteuropäischen Länder mit dem Französischen traditionell fremdeln.