London. Kalt gestellt war der Sekt schon in der Früh. Für Brexiteers war dieser wolkenverhangene Mittwoch der vielbeschworene "Befreiungstag". Boris Johnson konnte, als er aus der Frühsitzung des Kabinetts in No. 10 Downing Street kam, ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Seine Kabinetts-Kollegin Andrea Leadsom, eine der prominentesten Brexit-Wortführerinnen, freute sich "ganz besonders" auf diesen Tag.

Nigel Farage strahlte geradezu. Es sei "eine lange Reise" gewesen seit jenen Jahren, in denen die Kampagne für den EU-Austritt "nur ein Minderheitensport" war, sagte der frühere Vorsitzende der Anti-EU-Partei Ukip, noch immer das bekannteste Gesicht der britischen Rechtspopulisten. "Aber hey, jetzt sind wir da, wo wir immer hin wollten." Gefragt, wie er den Tag feiern werde, antwortete er: "Ich geh wohl ins Pub." Einig waren sich alle darin, dass es sich um einen "historischen Tag" handelte. Als solchen stufte ihn auch die Premierministerin ein. Am Abend zuvor hatte Theresa May die Aufkündigung der britischen EU-Mitgliedschaft unterzeichnet.

Zu Mittag am Mittwoch wurde Mays sechsseitiges Schreiben in Brüssel dem EU-Ratspräsidenten Donald Tusk übergeben. Der britische EU-Botschafter Sir Tim Barrow überreichte ihn persönlich. Ein Whitehall-Bote und ein Wachmann hatten das Dokument über Nacht im Eurostar nach Brüssel gebracht.

May meldet erste Wünsche an

Gleichzeitig setzte May in London das Parlament in Kenntnis. Ihre Regierung habe der EU erklärt, "dass wir nun wieder unsere eigenen Entscheidungen fällen und unsere eigenen Gesetze machen werden". London wolle "die Kontrolle übernehmen über all die Dinge, die uns am meisten am Herzen liegen." Der Schritt zähle zu den "großen Wendepunkten der nationalen Geschichte".

"Mit seiner stolzen Geschichte und seiner strahlenden Zukunft", so May weiter, wolle das Vereinigte Königreich nun wieder "eine wahrhaft globale Nation" werden - "ein Land, das unsere Kinder und Kindeskinder stolz Heimat nennen können". Indes mühte sie sich, versöhnliche Töne einfließen zu lassen: Selbstverständlich wolle Großbritannien "der beste Freund und Nachbar unserer europäischen Partner" bleiben. Man wünsche der EU gutes Gelingen, Erfolg und Wohlstand. Vorsichtig meldete sie einen ersten Verhandlungswunsch an: Dass über ein künftiges Handelsabkommen parallel zu den Gesprächen über die Austrittsbedingungen verhandelt werden könne.