Brüssel/Wien. Im Grunde gehe es um Schadensbegrenzung. Als EU-Ratspräsident Donald Tusk diese Parole ausgab, hatte er gerade den offiziellen Antrag Großbritanniens auf den EU-Austritt erhalten. Einen Monat später hat sich an den Vorstellungen der 27 Länder wenig geändert. Die Europäische Union will den Schaden nach dem Verlust eines Mitglieds für sich so gering wie möglich halten. Und sie möchte vor allem für ihre Interessen eintreten. So bedauerlich die Entscheidung der Briten auch sei - die übrigen Staaten müssten sich nun um sich kümmern, lautet das Motto.

Das soll auch in den Brexit-Gesprächen zum Ausdruck kommen. Der Rahmen, in dem sich die Verhandlungen mit London bewegen sollen, wird am morgigen Samstag skizziert. Tusk hat die 27 Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel nach Brüssel geladen, bei dem die Spitzenpolitiker die sogenannten Leitlinien abstecken sollen, an die sich dann EU-Chefverhandler Michel Barnier halten soll. Das Mandat für die Gespräche soll der ehemalige EU-Kommissar in den kommenden Wochen erhalten.

Die Sitzung am Samstag soll kurz werden. Tusk hat das Gipfeltreffen nur für wenige Stunden angesetzt. Diplomaten haben das Dokument für die Staats- und Regierungschefs schon Anfang der Woche ausgearbeitet, und die zuständigen EU-Minister zeigten sich bei ihrer Zusammenkunft gestern, Donnerstag, einverstanden damit.

Im Zuge dieser Vorbereitungen wurden die Leitlinien verschärft. So wünscht sich die Union eine Bleibe-Garantie für jene EU-Bürger, die auf der Insel wohnen - und zwar nicht nur für die rund drei Millionen Menschen, die sich jetzt schon dort befinden, sondern auch für jene, die sich bis Ende März 2019 dort niederlassen. Zu diesem Zeitpunkt sollen die Brexit-Verhandlungen abgeschlossen sein. Weitere Rechte, die sich aus dem gemeinsamen europäischen Binnenmarkt für alle EU-Bürger ergeben, sollen ebenfalls bis dahin gewährt sein.

Saftige Rechnung

Auch anderen Verpflichtungen soll London in den kommenden Jahren wie bisher nachkommen müssen. So sollen Finanzdienstleistungen weiterhin EU-Regeln unterliegen, und auch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs soll in naher Zukunft gelten. Eine Rechnung muss Großbritannien ebenfalls noch begleichen, und die kann hoch ausfallen. Die EU möchte, dass London seine finanziellen Zusagen erfüllt, die sich aus der langjährigen Haushaltsplanung der Union ergeben. Die aktuelle Finanzierungsperiode läuft noch bis 2020, und in der Zwischenzeit sammeln sich Zahlungsverpflichtungen für Infrastruktur- und andere Projekte, Beamten-Pensionen sowie Kredite an. Wie viel Geld London nach Brüssel überweisen muss, ist noch offen. Doch kursieren bereits Schätzungen, die bis zu einer Summe von 60 Milliarden Euro reichen.

Zahlen werden Barnier und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kaum genannt haben, als sie Premierministerin Theresa May am Mittwochabend in London trafen. Doch werden sie die britische Regierungschefin wohl darauf hingewiesen haben, dass die EU nicht zu vielen Konzessionen bereit ist. Dennoch sei das Gespräch "konstruktiv" verlaufen, hieß es aus Mays Büro.

Vor allzu hoch gesteckten Erwartungen warnte aber einen Tag später die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Briten. Dass das Königreich als Drittstaat über ähnliche Rechte wie ein Mitglied verfügen könnte, schloss sie in einer Regierungserklärung in Berlin aus. "Vielleicht denken Sie, dass das ja eigentlich Selbstverständlichkeiten sind", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters die Kanzlerin: "Doch ich muss das leider so deutlich aussprechen, denn ich habe das Gefühl, dass sich einige in Großbritannien darüber noch Illusionen machen." Das jedoch wäre vergeudete Zeit.