London/Brüssel/Wien. Angenähert hat man sich, eine Einigung gibt es nicht: Nachdem am Dienstag von einem Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen die Rede war, wurde am Mittwoch die Freude wieder gedämpft. Es gäbe immer noch Differenzen bei der Endabrechnung, so EU-Chefverhandler Michel Barnier, es müsse weiter intensiv verhandelt werden. Davor hatten britische Medien berichtet, dass sich die EU und London in der Frage der offenen Zahlungen zumindest stark angenähert hätten.

45 bis 55 Milliarden Euro soll London die Scheidung von der EU kosten. Das ist etwas ganz anderes, als die Briten erwartet hatten. Vor der Abstimmung im Juni 2016 hatten Brexit-Politiker vollmundig versprochen, dass die hohen Summen, die man jetzt noch in den EU-Topf zahlen müsse, künftig den Briten direkt zugutekämen. Das Geld werde etwa in das desolate Gesundheitswesen fließen, lautete das Versprechen. Zahlen werde man für den Austritt selbstverständlich nichts.

Davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Selbst 55 Milliarden Euro decken nicht alle Verpflichtungen, die London gegenüber der EU eingegangen ist. Also muss weiterverhandelt werden, zieht Barnier die Schrauben fester. Die künftige EU werde mit 27 Staaten nicht alleine für das aufkommen, was mit 28 Ländern beschlossen worden sei.

Erbarmen kennt Barnier keines. Man werde bis zum 4. Dezember mit Volldampf verhandeln, an diesem Tag ist ein Treffen zwischen Kommissionschef Jean-Claude Juncker und der britischen Premierministerin Theresa May angesetzt.

Jetzt ist auf der Insel Katzenjammer angesagt, Enttäuschung macht sich breit. "Großbritannien muss Jahrzehnte für EU-Rechnungen zahlen", so die konservative "Times". In der Tat sieht es so aus, als würde London seine Beitragszahlungen in den EU-Topf, der sich auf zehn Milliarden Euro pro Jahr beläuft, noch zwei Jahre weiterführen müssen. Und auch nach 2020 will die Europäische Union Geld für Projekte sehen, denen die Briten in der Vergangenheit zugestimmt haben.

"Wir sind dahin"

Die Brexit-Hardliner geben sich trotzig. Ex-Ukip-Chef Nigel Farage, der die Werbetrommel am lautesten für den EU-Austritt gerührt hatte, spricht von einem "sehr sehr schlechten Deal" und einem "Ausverkauf". Die EU müsse sich entweder "vernünftig, wie ein Erwachsener verhalten", so Farage trotzig, oder man werde sich einfach aus der EU verabschieden. "Wir sollten der EU sagen: Danke schön, wir werden nie einen Deal zustande bringen, auf Wiedersehen und wir sind dahin", schlägt der Milliardär Peter Hargreaves, der zweitgrößte Spender der "Leave"-Kampagne, vor.

Genau so einen "ungeordneten Brexit" fürchten Geschäftsleute und Investoren. Denn das würde zu einem Gesetzes-Chaos führen und die Finanzmärkte schwer erschüttern. Auch Barnier warnt eindringlich, dass kein Deal nicht ausgeschlossen, aber die schlechteste Variante sei. Eine Einigung in der Frage der Schlussrechnung wäre ein wichtiges Signal, dass beide Seiten auf eine Einigung beim EU-Gipfel am 14. und 15. Dezember in Brüssel zusteuern. Die Europäische Union macht Druck, nur bei "ausreichenden Fortschritten" - auch in der Frage der Grenze Nordirland-Irland - will man mit London über ein mögliches künftiges Handelsabkommen reden.

Dublin will eine "harte Grenze" innerhalb der Grünen Insel mit strengen Pass- und Güterkontrollen auf alle Fälle verhindern, weil das den alten Nordirland-Konflikt wieder anfachen könnte. Die britische Regierung verweist jedoch darauf, dass eine Grenzregelung erst gefunden werden könne, wenn Klarheit über die künftigen Beziehungen zwischen EU und Großbritannien besteht. Hier legt sich Irland quer: Dublin fordert bereits zum EU-Gipfel Mitte Dezember konkrete Garantien von London. Dort meint man jetzt, dass es Zollkontrollen ja nicht direkt an der Grenze geben müsse, sondern etwas im Landesinneren.

Auch die Frage der 3,2 Millionen EU-Ausländer in Großbritannien ist laut Barnier noch nicht gelöst. Die EU will erreichen, dass die Rechte von EU-Bürgern nicht nur durch britische Gerichte gesichert werden. Das, so EU-Diplomaten, müsste machbar sein.

Die Uhr tickt

"Die Uhr tickt und uns bleibt nur wenig Zeit", mahnt Barnier zur Eile. Am 4. Dezember will man Fortschritte sehen, am 6. Dezember werden die EU-27 dann beurteilen, ob ein Erfolg beim EU-Brexit-Gipfel am 14. und 15. Dezember realistisch ist. Und im Oktober 2018 soll der Austrittsvertrag fix und fertig sein.

Den Briten kann es ebenfalls gar nicht schnell genug gehen, hier allerdings mit der heiß ersehnten Eröffnung der Verhandlungen über die künftigen Handelsbeziehungen. Der britische Außenminister und Brexit-Verfechter Boris Johnson meinte am Mittwoch, man hoffe, das britische Angebot in Sachen Scheidungsrechnung sei jetzt ausreichend.