Keine Zeit für Abwarten und Teetrinken. Premier May muss bei den Brexit-Verhandlungen liefern. - © reuters
Keine Zeit für Abwarten und Teetrinken. Premier May muss bei den Brexit-Verhandlungen liefern. - © reuters

London. (pn/ast) Noch immer zwingen sich britische Minister zu einem Lächeln. Gewiss werde man letztlich zu einer Brexit-Lösung kommen, versichern sie vor den Kameras.

Nachdem aber die Verhandlungen in Brüssel stocken und sich in London für keine einzige Brexit-Variante eine Parlamentsmehrheit abzeichnet, beginnen immer mehr Briten nervös aufzuschauen. Wäre es denkbar, dass ihr Land am 29. März 2019 doch "ohne Deal" aus der EU ausscheiden wird? Liam Fox, Theresa Mays Außenhandels-Minister, hat schon lange vermutet, ein Austritt ganz ohne Vereinbarung sei "am wahrscheinlichsten". Zu Beginn dieser Woche hat Arlene Foster, die Vorsitzende der nordirischen Unionisten, einen "No-Deal"-Ausgang des Brexit-Dramas sogar für "fast unvermeidlich" erklärt. Und auch EU-Ratspräsident Donald Tusk hält einen Brexit ohne Abkommen für "wahrscheinlicher denn je". Das schrieb er am Montagabend an die 28 Staats- und Regierungschefs.

Plötzlich laufen auf der Insel hektische Vorbereitungen an - nachdem Wirtschaftsverbände monatelang geklagt haben, es werde für den "Fall der Fälle" nicht genug getan. Ganz ohne Vorwarnung etwa haben am vergangenen Wochenende auf der M26, einer Verbindungsstrecke zwischen dem Londoner Ring und der Autobahn M20 nach Folkestone und Dover hinunter, Vermessungsarbeiten begonnen. Wie die M20 selbst, soll auch dieser "Motorway" auf der Fahrbahnseite zur Küste hinunter in einen potenziellen Lastwagen-Parkplatz verwandelt werden.

Außerdem ist geplant, einen ausgedienten kleinen Flughafen in der Grafschaft Kent, den der Staat für mehrere Millionen Pfund angekauft hat, zum Sammelplatz für tausende von Fahrzeugen umzubauen. Britische Planer schätzen freilich, dass es vier Jahre dauern könnte, bis ein neuer, spezieller Lastwagen-Wartepark bereitgestellt werden kann.

Bis dahin müssen die beiden Autobahnen als Interimlösung dienen. Für die Frachtindustrie ist das alles "zu wenig - und es kommt zu spät". Ganz abgesehen von Umweltverschmutzung, enormen Staus und verstopften Landstraßen drohe am Kanaltunnel und im Hafen Dover "totales Chaos", stöhnt der Verband der Fuhrunternehmer. Vier Millionen Lastwagen setzen jährlich von Dover nach Calais hinüber. Nur eine zweiminütige Verzögerung der Zoll-Abfertigung pro Wagen würde zu einem 25 Kilometer langen Rückstau führen.

Zusätzliche Warnungen hat das Brexit-Ministerium in London in bislang 105 "Planungshinweisen" seit Sommer ausgegeben. So könnten, wenn alle Stricke reißen, Führerscheine und Versicherungen an der Grenze ungültig werden. Schlimmstenfalls würde der Flugverkehr in die EU zum Erliegen kommen und der Eurostar-Zugverkehr eingestellt werden.