Ein sonniger Tag in Berlin - die Wahllokale sind dennoch bummvoll. "Das darf doch nicht wahr sein, kann man das nicht anders organisieren?", schimpft eine Frau vor der Elbe-Grundschule im Bezirk Neukölln. "Es gibt ja immerhin Corona." Der Security versucht zu beschwichtigen, er könne ja schließlich auch nichts machen.

Drinnen sind lange Schlangen. Man wartet eine dreiviertel Stunde, bis man endlich seine Kreuze machen darf. Eine Wahlhelferin wuselt durch die Gänge: "Ich gucke nur mal schnell, ob Sie auch wirklich in der Reihe zu Ihrem Wahllokal warten und nicht doch in einem anderen Raum wählen müssen." Ein junger Mann findet das unnötig: "Wir sind doch alle alphabetisiert. Andererseits: Wer sein Wahllokal nicht findet, wählt dann vielleicht auch noch irrtümlich FDP." Die Liberalen haben hier in Nord-Neukölln keinen guten Stand.

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Kiez on the Block. 

- © Christine Zeiner

Kiez on the Block.

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"Wahrscheinlich gewinnt die SPD", meint ein Wähler. "Aber Rot-Rot-Grün, das traut sich Scholz dann wieder nicht." Eine Frau tippt auf die Ampel: SPD-Liberale-Grüne.

Ein Anruf in Norddeutschland. "Die Stimmung ist sehr, sehr gut", sagt Tarek Saad, der im SPD-Landesvorstand in Schleswig-Holstein sitzt. In einigen Wahlkreisen, die bisher die CDU gewonnen hat, habe man in den letzten Tagen das Gefühl bekommen, die Konservativen hätten schon aufgegeben.

Und wie sieht es in Sachsen aus? "Natürlich sind wir begeistert", sagt ein SPD-Mitglied aus Dresden zu den guten Umfragen. Namentlich will der Mann nicht genannt werden. Man wisse aber noch nicht, wie es tatsächlich ausgehe. Den Aufwind habe man jedenfalls gespürt: "An den Wahlkampfständen wurde man nicht mehr mitleidig angeguckt. Die Leute haben wieder Flyer mitgenommen." Die guten Umfragen verbesserten das Image der Sozialdemokraten - und führten zu weiterer Zustimmung. "Wir arbeiten soziale Themen ab, Scholz spricht konsequent  seit einem Jahr die normalen Leute an, die gerade so über die Runden kommen." Anders als vor vier Jahren würde diesmal im Wahlprogramm nicht die Untermauerung fehlen. Damals gab es im Frühjahr vor der Wahl einen Hype um Martin Schulz. Der Spitzenkandidat hat nicht für ein gutes Ergebnis gereicht. Die Partei blieb für viele unglaubwürdig.

Neukölln: FDP Die Partei.
- © Christine Zeiner

Neukölln: FDP Die Partei. - © Christine Zeiner

NRW unzufrieden mit Christdemokraten

Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen (NRW). Es ist mit 18 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern das bevölkerungsreichste Bundesland - und jenes, in dem seit 2017 Armin Laschet als Ministerpräsident regiert. Die Unzufriedenheit unter den Christdemokraten ist auch hier groß: "mit der Berichterstattung in den Medien, den Umfragen, klar mit Fehlern des Kandidaten und dem permanenten Sperrfeuer aus München", heißt es aus dem Landtag in Düsseldorf. Von Landtagsbgeordneten hört man, dass Laschet wohl hätte tun können, was er wollte, es sei immer falsch. "Der hätte auch Minen vor einem Kinderheim entschärfen können, irgendwer hätte es kritisiert."

In der Berliner Rütli-Schule, ein paar Meter von der Elbe-Grundschule entfernt, hört man auch kein positives Wort über die Christdemokraten: "Laschet ist eine Lusche", sagt ein Mann. "Und auch wenn Merkel nicht mehr zur Wahl steht: 16 Jahre Merkel sind jedenfalls genug."

Er hofft auf eine sozialere Politik als bisher.

Mittlerweile beginnen jene, die bereits ihre Stimmzettel ausgehändigt bekommen haben, diese auszufüllen. Es dauert allen einfach schon zu lange. Die Wahlhelfer sind entsetzt: "Nein, nein!", ruft eine der Mitarbeiterinnen. "Zerreißen sie ihre Zettel bitte wieder. Sie müssen geheim abstimmen und warten, bis Sie in der Wahlkabine sind!"

Auch aus Prenzlauer Berg und Berlin-Mitte hört man vom Ansturm auf die Wahllokale: "Es ist Wahnsinn dieses Jahr", sagt eine Frau. "Ich stehe immer noch in der Schlange. Und das seit mehr als einer Stunde." Zwei Mal habe sie es heute schon versucht, ein drittes Mal traut sie sich nun nicht zu gehen und später wieder zu kommen. "Es wählen offenbar viel mehr als sonst. Ob alle hoffen, dass sich etwas ändert?"