Sonntag 18 Uhr. Während der Verlautbarung der ersten Wahlprognose, spielt die Familie aus einfachen Verhältnissen, die im Erdgeschoss lebt und ihrem bezaubernden, kleinen Kind im Garten eigenmächtig und ungenehmigt ein Paradies gebastelt hat, mit ebenjenen, laut jauchzenden Nachwuchs ein Art Ballspiel am niedergetretenen Gras. Ich öffne das Fenster und rufe runter: "Kein Interesse am Wahlergebnis?" "Nö, interessiert mich nicht", ruft der Mann zurück nach oben, "es ändert doch nix."

19 Uhr. Prognosen und erste Hochrechnungen. Zeit, die Wohnung in Reinickendorf zu verlassen und den Duft der Straße zu atmen, wo es seit Jahrzehnten aus der Kanalisation mieft - weil die Leute zu wenig spülen, sagt die Stadt. Berlin, die stinkende Metropole: Früher war der Braunkohledunst, der DDR, der den Westberlinern Feinstaubwerte bescherte, die heute zur Evakuierung von Millionen Menschen führen würde, heute ist es eben die Kanalisation, weil viele Häuser im Zentrum nur mehr Büros sind und und die zugereisten Schwaben am Prenzlauer Berg wassersparende Toiletten benutzen.

"Hauptsache das Wohndings lösen"

Um festzustellen, ob der Wahlabend nun ein besonderer Abend wird, genügt ein Anruf. Der Pressesprecher der Polizei Berlin erklärt mir, dass die nach Urnengängen üblichen Einheiten mobilisiert und geparkt sind und dass die Parteizentralen nicht mehr als das Übliche an Verstärkung angefordert hätten.

Rund zweihundert Meter von meinem Wohnhaus entfernt steht die Mauer; ein letzter Rest auf Bahngelände, den man im letzten Moment noch sicherte. Jetzt überwuchert die Stelle, vom Zentrum der Stadt zu weit entfernt um Besucher anzulocken. Ich mache rüber nach Pankow, einem Bezirk in dem altes DDR-Bürgertum seit ein paar Jahren eine neue hippe Bewohnerschaft erdulden muss, die am Prenzlauer Berg keine Wohnung mehr fand. Man erkennt das vor allem daran, dass die alten Eckkneipen zu veganen Eissalons umgebaut wurden. In keiner Stadt wird brutaler gentrifiziert. Das liegt auch daran, dass die Neubewohner ihre Ansprüche ideologisch thematisieren.

Vor einem mexikanischen Restaurant frage ich ein junges Paar, das die in Plastik eingeschweißte Speisekarte studiert, wie sie den Wahlausgang bewerten. Sie sagt: "Ich bin überrascht, dass die Grünen die Wahl gewinnen, aber gut so." Er sagt: "Egal ob Grüne oder die SPD gewinnen, es ist wichtig, dass sie das Wohndings lösen."

Haben die eine andere Hochrechnung gesehen als ich? Nein, sie sprechen von der gleichzeitig mit der Bundestagswahl stattfindenden Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin. Und an diesem Abend, auch in der Nacht, wird klar: diese Berliner Wahl war für die Berliner die wichtigere Wahl als die Wahl zum deutschen Parlament.

"arm aber sexy"

In Berlin bestimmt das "Wohndings" seit Monaten den politischen Diskurs auch einfacher, unpolitischer Leute, denn Wohnraum, der vor wenigen Jahren in den Kiezen noch billig zu mieten war, ist für viele, auch für die Mittelschicht, inzwischen teuer und für manche sogar unbezahlbar geworden. Berlin, das war Jahrzehnte lang der Sehnsuchtsort aller Menschen, die sich beruflich kreativ entfalten wollten, und auch jener, die einfach nur zum Abhängen, Kiffen und Nichtstun kamen. Berlin, das war in Deutschland, nein, in der Welt, ein besonderes Biotop, das Klaus Wowereit, der prominente, nun ehemalige, regierende SPD-Bürgermeister – der Mann auch, der Berlin das Flughafendesaster bescherte - mit "arm aber sexy" zusammenfasste. Dass es das heute nicht mehr so sein soll, dass Berlin eine normale Stadt wird, dagegen wehren sich nun viele Berliner. Sie wollen erreichen, dass Wohngesellschaften enteignet werden, die hier massenhaft Wohnraum billig kauften, sanierten und nun teure Mieten berechnen. Der Senat soll für die Enteignungen nun dreißig Milliarden bereitstellen. Für das Geld könnte man wie in Wien viele neue Häuser bauen und den Mietmarkt solcherart entschärfen. Doch es geht nicht um Entschärfung alleine, es geht darum, wem die Stadt gehört, die, so wie Wien, seit gefühlten Ewigkeiten links und, anders als Wien, auch radikal tickt.

Ich nehme die Straßenbahn nach Lichtenberg, ein Bezirk, der am nordöstlichen Rand von DDR-Plattenbau-Wohntürmen geprägt ist, die sich kilometerweit erstrecken. Hier, in Hohenschönhausen und im ebenso tristen Marzahn leben fast eine Million Menschen, die selten an einer Partymeile anstehen, um geilen Techno zu hören, die in keinen Start-Ups arbeiten und morgens keinen Chai mit Biolatte trinken. Hier ist der Bezirk, in dem man, wenn man überhaupt wählt, gerne auch die rechtsradikale AfD wählt.

Bei "Pizza-Lovers" wo man in dem unglaublich kneipenleeren Distrikt Essen zum Abholen mitnehmen kann, frage ich einen Mann, wohl Ende Dreißig, wie er den Wahlausgang beider Wahlen kommentiert. Er kommentiert: "Verpiss dich!" Ein anderer, wenige Minuten später murmelt: "Gern eine auf die Fresse." Ein dritter, leben hier eigentlich nur Männer (?), antwortet kurz: "Habe nicht gewählt." Der vierte dann sagt: "Hier gehen die meisten nicht mehr wählen. Sind ja alle auf Hartz vier." Hartz-IV, das ist die sehr magere Mindestsicherung, mit der SPD-Kanzler Gerhard Schröder den Wirtschaftsstandort Deutschland von überbordenden Sozialkosten befreite und Berlin ein in Wien nicht vorstellbares Proletariat bescherte, das neben der aufstrebenden Stadtmitte und dem, sich selbst genügenden Westen verbitterte. Die AfD, übrigens, stürzt an diesem Abend auch hier ab.

Enteigner feiern Enteignerparteien

Rüber in den Westen, kurzer letzter Ost-Stopp, vor dem Grill-Royal, dem bekanntesten Restaurant der Stadt und auch Deutschlands, das toll normal blieb, obwohl sich hier seit zehn Jahren internationale Pop- und Filmprominenz sich mit nationaler Politprominenz und den üblichen Touristen die Tische teilt. Gut gekleidete Menschen antworten manierlich unisono, dass Deutschland nun einen Weg finden muss, aus dem Patt rauszukommen, in das es sich manövriert hat; dass Investitionen getätigt werden müssen; dass diese nicht nur mit höheren Steuern bezahlt werden können, sondern ein Umdenken der ganzen deutschen Gesellschaft erfordern – es ist das übliche Blabla, das man auch in den faden TV-Diskussionsrunden dieses Abends hört, immer hört.

Drüben dann, im Spießerwesten, also nicht in Kreuzberg, wo man, wie Freunde mir erzählen, die Enteigner die Enteignerparteien feiern, drüben im Spießerwesten, zwischen Wilmersdorf und Schöneberg treffe ich Jan, einen Gastrotrainer. Er kommt aus Niedersachsen und wohnt seit sieben Jahren in Berlin. Ihm waren beide Wahlen wichtig. Er sagt, die Pandemie habe der Gesellschaft und Berlin im Besonderen den Spiegel vorgehalten: "Für das schlecht bezahlte Pflegepersonal hatte man außer am Balkon Klatschen und einer mickrigen Sonderzahlung nichts übrig. Kein Wunder, dass die jetzt streikten." Und: "Jetzt, am Ende der Pandemie, sehen wir deutlich, was aus aus Deutschland wurde." Nämlich: "Ein Land, in dem Leistungswerte mehr zählen als soziale Werte." Dagegen wehre man sich in Berlin nun mehr als anderswo in der Republik.

Am Heimweg, es ist zwei Uhr früh, treffe ich in Kreuzberg ein sehr junges, sich eng verschlungen haltendes Paar, das eine saure Miene macht. Warum so sauer: "Weil die scheiß SPD nun doch gewonnen hat." Berlin ist gemeint. Nicht Deutschland.