Es ist weniger die Politik, die hunderten Menschen auf dem weiten Platz vor dem Rathaus in Augsburg das Wichtigste ist. Es ist das Wetter. Dicht gedrängt sitzen sie vor den Kaffeehäusern in der bayrischen Stadt nördlich von München, um die Sonnenstrahlen gierig einzusaugen: das junge Pärchen, das ältere Ehepaar, die Frauenrunde um die 40 und die alte Dame mit dem Rollator samt Begleiterin.

Während die Sondierungen nach der deutschen Bundestagswahl vom 26. September nun beginnen und die abgestürzte bisherige Kanzlerpartei CDU am Montag zu einem Krisentreffen des Parteipräsidiums zusammengekommen ist, richten sich deutsche Bürger einmal aufs Warten ein, bis es eine neue Koalition und Regierung gibt. "Das wird bis zum nächsten Jahr dauern", prophezeit eine der sieben Frauen, die gut gelaunt an einem Tisch ohne Männer gemeinsam das Wochenende samt Sonne genießen, der "Wiener Zeitung".

Auch nach seinem Rücktritt schwärmen Deutsche von Kurz

Damit rechnet auch eine blonde jüngere Frau, die mit ihrem Partner Latte macchiato schlürft und über den Stadtplatz blinzelt: "Wir sind erst mal so in der Wartehaltung. Wir sind gespannt." Jetzt sollen einmal die Parteien machen, das ist nicht nur ihre Position. Die Frau macht kein Hehl daraus, dass ihr eine Koalition von CDU, Grünen und FDP lieber wäre, weil sie "nicht so ein Fan" des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz ist. Was die CDU betrifft, die auch intern zunächst klären muss, wie es nach Armin Laschet weitergeht, so hat es ihr vor allem der Obmann der Volkspartei in Österreich, Sebastian Kurz, angetan.

Während dieser am Wochenende mit seinem Rücktritt gerade seiner Abwahl als Bundeskanzler entgangen ist, schwärmt das Paar in Augsburg regelrecht von ihm. "Er hat ein gewisses Auftreten", befindet die Augsburgerin. "Er hat auch manchmal Ansichten, die in die rechte Richtung gehen. Trotzdem wäre er gut", assistiert ihr bärtiger Partner angesichts der internen Kämpfe bei den deutschen Christdemokraten.

"So viel wird sich auch mit einer Ampel nicht ändern"

Zwei gut 20-jährige Frauen sitzen ein paar Meter weiter an einem der sonnenüberfluteten Tische, mit Mantel, denn der Wind lässt so manchen Gast sonst doch frösteln. Für sie steht fest, dass es nur eine Lösung geben kann - und die lautet Ampelkoalition mit Rot, Gelb, Grün. Das finden die beiden auch gut und richtig so nach diesem Wahlergebnis, bei dem die Sozialdemokraten Platz eins erobert haben.

"Es ist alles möglich", bremst hingegen ein Mittfünfziger, der mit Freunden stehend beratschlagt, was sie an diesem Nachmittag noch unternehmen sollen. "So arg viel ändert sich nicht", ist der Mann überzeugt. Dabei sei egal, ob der künftige deutsche Kanzler nun Olaf Scholz oder Armin Laschet heißt.

CDU leckt ihre Wunden und ruft nach Sonderparteitag

Dem bläst nach der Wahlniederlage allerdings eine steife Brise entgegen. Junge in seiner Partei rufen nach einem Reformparteitag. Der frühere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust sagt hingegen in einem Interview mit der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" am Wochenende, dass er den Umgang mit dem CDU-Kanzlerkandidaten "unfair" findet. Er sieht einen Grund für die Niederlage seiner Partei darin, dass die CDU "das Versprechen, dass alle Menschen etwas vom Wohlstand haben sollen", für das die Partei einst gewählt worden sei, nicht mehr deutlich genug vertreten hat. Der SPD hingegen sei es gelungen, glaubwürdig als "Schutzmacht der kleinen Leute" aufzutreten.

Für den zweiten Mann, der mit dem Mittfünfziger und den beiden Partnerinnen auf dem weiten, zentralen Platz in Augsburg steht, ist es jedoch alles andere als ausgemacht, dass nach den anlaufenden Sondierungen tatsächlich eine Ampelkoalition paktiert wird. "Nein, überhaupt nicht", bekräftigt er, "weil sich die drei Parteien nicht einigen werden." Er hält es für eine Hürde, dass sich die FDP schon klar festgelegt habe, dass es mit ihr keine Steuererhöhungen geben werde. Während für andere Augsburger eine große Koalition aus SPD und CDU mit einem Geruch behaftet zu sein scheint wie ein zu lange im Kühlschrank befindliches Lebensmittel, sieht dieser Gesprächspartner ein Bündnis der beiden stärksten Parteien und somit eine Zweier- statt einer Dreierkoalition als ernsthafte Variante an: "Es gibt noch die GroKo", wie die in Österreich über Jahrzehnte regierende große Koalition in Deutschland flapsig-knapp bezeichnet wird.

Lautsprecher auf dem Rathausplatz

Auch im Freistaat Bayern ist abseits der Suche nach einer künftigen Koalition im weit entfernten Berlin vor allem die Corona-Krise ein ständiger Begleiter. Dank der FFP2-Masken zum Schutz sowieso. Aber auch auf dem Platz vor dem Rathaus und dem sanierungsbedürftigen hoch aufragenden Perlachturm, dem Wahrzeichen der Stadt. Zwei Gegner der Corona-Maßnahmen haben es irgendwie geschafft, im Schatten gegenüber der sonnenbestrahlten Lokale mit zwei Lautsprechern ihre Erkenntnisse in die frische Oktoberluft zu plärren. Freilich, keine Handvoll Menschen hört in unmittelbarer Nähe zu. Befindet man sich etwas weiter weg, sind die Botschaften schon nicht mehr zu verstehen. Im nahegelegenen Augsburger Tourismusbüro hat man dennoch keine Freude mit dem Auftritt. Schließlich prangt dahinter der Appell, "gemeinsam gegen Corona" vorzugehen.

Grün-Bewegte rätseln über FDP-Erfolg bei den Jungen

Zumindest interessierte Gäste sind auch an diesem Nachmittag in dem Informationszentrum für Touristen etliche da. Bei den Jüngeren draußen am Platz kann man einer Ampelkoalition in Berlin das Meiste abgewinnen. "Das ist auch gut so", ist da im Augsburger Zentrum zu hören.

Ein Bursch und drei gut gelaunte Mädchen sind diesbezüglich weitgehend einer Meinung. Das sei schon so recht, betonen sie. Gleichzeitig wundert sich eine Studentin, dass gerade die Liberalen bei jungen Menschen auf viel Anklang gestoßen sind. Für sie als erklärte Anhängerin von Fridays for Future, die Maßnahmen zum Klimaschutz für höchst notwendig hält und zu den Grünen tendiert, ist das völlig unverständlich.

CDU kämpft mit Schlappe

Eine Frau mittleren Alters sieht den Zug für die alternative Dreier-Koalition von CDU, FDP und Grünen, die in Deutschland wegen der Farben kurz Jamaika-Koalition genannt wird, mittlerweile abgefahren. "Jamaika gibt’s nicht. Im Urlaub, sonst nicht", sagt sie mit diebischer Freude - und eilt weiter, weil sie noch etwas einkaufen will.

Während in Wien die ÖVP sich auf die neue Situation mit dem bei manchen Deutschen so beliebten Jungpolitiker Kurz in der Rolle als ÖVP-Klubobmann einstellt, kämpft die Schwesterpartei CDU noch mit internen Reibereien nach der Wahlschlappe. Die Menschen in Augsburg kümmert das indessen wenig. Denen sind die herbstlichen Sonnenstrahlen an diesem Oktobertag eindeutig wichtiger.