Cannes. Vormittags im pastelltürkisen Sakko mit dazu passender Brille und Sportschuhen mit eingebauten Blinklichtern, abends dann doch gesetzter, mit schwarzem Tuxedo, aufgestickter Rakete und der obligatorischen Herzerlbrille: Da, wo Elton John auftaucht, ist es schrill und skurril, zumindest outfittechnisch. In Cannes hat man dem britischen Pop-Sir den roten Teppich ausgerollt, weil er hier - in seiner Eigenschaft als Produzent - sein eigenes Bio-Pic "Rocketman" der Weltöffentlichkeit präsentierte, das ab 29. Mai auch in den österreichischen Kinos zu sehen sein wird.

In "Rocketman" fokussiert Regisseur Dexter Fletcher vor allem auf die frühen Jahre des Pop-Superstars; für Elton John ist der Film auch eine Art Abschiedsgeschenk an sich selbst, denn nach seiner gerade laufenden Welttournee mit über 300 Konzerten, die ihn kürzlich auch in die zweifach ausverkaufte Wiener Stadthalle führte, will sich der 72-jährige Brite nämlich endgültig aus dem Rampenlicht zurückziehen. Für seinen kurzen Auftritt in Cannes hat John seine Tour unterbrochen, um mehr drollig als exzentrisch über den roten Teppich zu laufen. So richtig fit wirkte Elton John dabei nicht, und auch die Stufen des roten Teppichs ließ er aus - er nahm lieber den Lift. Seine Knie-Operation aus dem Vorjahr verbietet ihm das Treppensteigen, wussten die Klatschspalten.

Krachender Egerton

Dafür ist Taron Egerton, der Elton John im Film darstellt, umso energiegeladener. Unglaublich, wie er in "Rocketman", benannt nach Johns gleichnamigem Hit von 1972, in die Klaviertasten haut und eine Show macht, dass es nur so kracht. Biopics dieser Art scheinen derzeit schwer in Mode: Ein bisschen hat man das Gefühl, man sieht die logische Fortsetzung von "Bohemian Rhapsody", mit dem vergangenes Jahr Rami Malek als Freddie Mercury reüssierte und schließlich sogar einen Oscar davontrug. Und das kommt nicht von ungefähr: War es doch Regisseur Dexter Fletcher, der "Bohemian Rhapsody" zu Ende inszenierte, nach dem man Bryan Singer wegen eines Zerwürfnisses vom Regiestuhl entfernte. "Für mich war dieses spontane Einspringen eine perfekte Generalprobe für ‚Rocketman‘", sagt Fletcher.

Elton John, der in Cannes mit seinem Ehemann David Furnish erschien, wirkt jedenfalls zufrieden mit dem Ergebnis: Dabei zeigt "Rocketman" nicht nur die schönen Seiten der außergewöhnlichen Musikerkarriere Johns, sondern befasst sich auch mit seinem frühen Durchbruch, seinen Schwierigkeiten in Bezug auf verbotene Substanzen und seinem Hadern mit der eigenen sexuellen Orientierung. Auch die langjährige Partnerschaft mit Songwriter Bernie Taupin, der ebenfalls nach Cannes kam, wird thematisiert. Elton John war besonders mit der Wahl Taron Egertons zufrieden, zumal Egerton auch sämtliche Songs im Film selbst aufgenommen hat. "Das ist nicht wie bei ‚Bohemian Rhapsody‘, wo Rami Malek, der zwar großartig ist, aber alles nur lippensynchron mitgesungen hat", so Elton John. "Taron hat das ganze Ding alleine durchgezogen." Und Egerton unterstreicht dann noch diesen hauptsächlichen Unterschied zwischen den beiden Filmen. "Wir drehten ein Musical, in dem der Hauptdarsteller zudem auch noch singen können muss. Das ist doch ein völlig unterschiedlicher Ansatz."