Systemkritik liefert auch die Wienerin Jessica Hausner: Sie thematisiert in "Little Joe" mit einem ausgeklügelten Regie- und Farbkonzept die Schattenseiten von Gen- und Biotechnologie: Eine Pflanzenzüchterin entwickelt eine neue Pflanze, deren Duft Menschen glücklich machen soll. Hausners Konzept geht auf: "Little Joe" ist ein packender Psychothriller von stilistisch höchster Güte - kunstvoll und mysteriös zugleich.

Dem Spanier Pedro Almodóvar gelingt in "Pain and Glory" wiederum eine Rückschau auf die eigene, lebenslange Befindlichkeit: Er lässt sich selbst im Film von Antonio Banderas darstellen, der all die körperlichen und seelischen Leiden des Filmemachers interpretiert. Almodóvar schaut zurück auf eine lange Reihe an extravaganten Filmen, auch er legt viel Wert auf eine penible Farbregie, befasst sich aber zudem kritisch mit den eigenen Verfehlungen und Unpässlichkeiten. Die Selbstreflexionen eines Kult gewordenen Filmschaffenden: Sie ist überaus gelungen, dient aber womöglich mehr dem eigenen Seelenheil denn dem Gaudium der Kinobesucher.

Terrence Malick sorgte mit "A Hidden Life" für eine Überraschung im Wettbewerb. Seine dreistündige Erzählung des Falls Jägerstätter mit August Diehl und einer bravourösen Valerie Pachner begeistert vor allem wegen ihrer hochemotionalen Inszenierung. Ein Meisterwerk, dem die Goldene Palme gebühren würde, ebenso wie auch der von Céline Sciamma inszenierten historischen Romanze "Portrait of a Lady on Fire": Die 1770 in Frankreich angesiedelte Geschichte dreht sich um die Malerin Marianne (Noémie Merlant), die auf eine Insel gelangt, auf der nur Frauen leben. Sie soll das Hochzeitsporträt der Tochter einer Gräfin malen, woran ihre Vorgängerin gescheitert war. Es kommt zu einer Annäherung zwischen der Malerin und der herrischen Tochter, ehe sich noch eine ungewollt schwangere Hausangestellte hinzugesellt. Es wird hier auch Erotik geben, für die diese Frauen keine Männer brauchen: ein erfrischendes Statement auf dieser Bühne des Weltkinos. Wenn das Festival heuer erstmals eine Frau prämieren wollte, es hätte wunderbare Gelegenheiten dazu. Wobei der vierte Film einer Regisseurin im Wettbewerb noch aussteht: "Sibyl" von Justine Triet läuft erst am Freitag. Die Gelegenheit, Filmgeschichte zu schreiben, hat Jury-Präsident Alejandro González Iñárritu jedenfalls. Mit Jane Campion hat 1993 zwar bereits eine Frau die Goldene Palme gewonnen (für "Das Piano"); sie musste sich den Preis damals aber mit dem Chinesen Chen Kaige (für "Lebewohl meine Konkubine") teilen. Gut möglich, dass diesmal eine der vier Frauen mit ihrer Palme ganz alleine nach Hause fahren darf.