Dunkle Seelen

"Les Misérables" ist ein durchaus temporeiches Actionstück, aber gewährt auch den Einblick in die dunklen Seelen Frankreichs; dass der Film ausgerechnet in jenem Pariser Vorort spielt, in dem Victor Hugo 1862 seinen berühmten Roman spielen ließ, ist natürlich beabsichtigt und soll die These aufstellen, dass sich nicht viel geändert hat an dem Elend hier. Das wird auch der neue Protagonist Stéphane schnell feststellen - die Elenden, sie haben heute in den Banlieues genau wie damals die absolute Mehrheit, und das fängt der Film auf ganz famose, spontan wirkende Weise ein.

15 Jahre hat Ladj Ly an diesem Filmdebüt gearbeitet, während er nebenbei auch in einem Filmkollektiv namens Kourtrajmé Filme gedreht hat. "Ich hoffe, der Film ist nicht ein Sammelsurium an Erfahrungen, sondern mehr ein Aufbruch als eine Rückschau auf mein bisheriges Leben", sagt der Regisseur. "Aber es stimmt: Alles basiert auf eigenen Erlebnissen: Der neue Cop in der Umgebung, "Zigeunerzirkus", ja sogar der gestohlene Babylöwe: All das hat es wirklich gegeben. Ich habe zuvor die Polizei in meinem Viertel fünf Jahre lang mit der Kamera begleitet, denn das ist mein Leben, meine Umgebung, mein Filmset." Fehlenden Enthusiasmus kann man dem Newcomer Ladj Ly also nicht unterstellen - und am Ende des Festivals sollte es dafür wohl auch einen Preis geben - zu wichtig ist das Thema in Frankreich, und zu gut ist der Film geglückt, als dass man ihn umgehen könnte.

Umgangen werden dürfte hingegen Jim Jarmuschs Eröffnungsfilm "The Dead Don’t Die" - eine Zombiekomödie, die selbst der Regisseur für ungeeignet hielt, an diesem Programmplatz zu stehen. Aber Cannes-Festival-Chef Thierry Frémaux wurde nicht müde zu betonen, dass Jarmuschs Film die ideale Einleitung für Cannes sei: "Amerika ist ein Land der Extreme. Was dort derzeit passiert, kann jemandem wie Jarmusch nicht gefallen." Frémaux spielt auf Jarmuschs Moral von der Geschicht’ an: In "The Dead Don’t Die" gibt es doch tatsächlich am Ende eine politische Erregung dieses sonst so lässigen Filmemachers: Unsere Gier am Konsum ist es, die uns letztlich in den Untergang treibt, findet Jarmusch, der sich - bislang - mit erhobenen Zeigefingern eher zurückgehalten hat. Ein Novum für den Filmemacher. Und ein doppeltes Novum für Cannes: Zombiefilme zur Eröffnung gab es noch nie, und schon gar keine mit moralischen Ansprüchen.