Tilda Swinton als einsame Akademikerin, die den einen oder anderen Wunsch hätte. Dazu ein Flaschengeist (Idris Elba), der ihr anbietet, diese Wünsche auch wahr werden zu lassen – das ist die Ausgangslage in George Millers Fabel "Three Thousand Years of Longing", die bei den Filmfestspielen in Cannes nun außer Konkurrenz uraufgeführt wurde. Es ist der erste Film Millers seit sieben Jahren, als er hier in Cannes mit dem vierten Teil seiner "Max Max"-Reihe "Mad Max: Fury Road" ein fulminantes Regiecomeback feierte. Und auch der neue Film vermag zu gefallen. Es geht hier zwar weniger laut und dröhnend zu, aber keinesfalls unspektakulärer. Sondern sehr phantasiereich, bildgewaltig und mit großen Schauwerten.

Swinton spielt Alithea Binnie, eine Gelehrte, die in Istanbul ankommt, um einen Vortrag zu halten. Dort kauft sie in einem Geschäft eine blau-weiße Vase und reinigt sie im Hotel mit der Zahnbürste. Heraus kommt ein riesiger Flaschengeist (Idris Elba), der verspricht, ihr drei Wünsche zu erfüllen, was auch immer ihr Herz begehrt. Zuerst schließt sie ihre Augen und hofft, dass es ein Trick ihres Verstandes ist, aber sie erkennt bald, dass alles real ist. Und auch die Wünsche, die sie offenbart, sind real. Aber alles läuft freilich ein wenig aus dem Ruder in dieser schwarzen Fantasy-Komödie.

Regisseur George Miller (77) war zuletzt mit "Mad Max: Fury Road" (2015) in Cannes zu Gast. 
- © Katharina Sartena

Regisseur George Miller (77) war zuletzt mit "Mad Max: Fury Road" (2015) in Cannes zu Gast.

- © Katharina Sartena

Basierend auf A.S. Byatts Kurzgeschichte "The Djinn in the Nightingale’s Eye", ist dies Millers Hommage an die Freuden des Erzählens, und darüber, der Phantasie freien Lauf zu lassen. "Die Geschichte ist sehr kurz, beinhaltet aber dennoch einen großen Ideen-Reichtum, den ich unbedingt für diesen Film in epischer Breite ausrollen wollte", so Miller im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. "Ich habe diesen Film auch deshalb gemacht, weil sich die Art und Weise, wie wir heute Geschichten erzählen, gerade dramatisch verändert", so Miller. "Das hat vor allem mit den sozialen Medien zu tun".

Tilda Swinton stimmt ihrem Regisseur zu: "Es gibt Filme und es gibt Bücher, und dann gibt es soziale Medien. Dort werden Inhalte in wenigen Sekunden verdichtet wiedergegeben. Das bedeutet, dass sich die Erzählrhythmen entsprechend ändern: Für Details gibt es in den sozialen Medien keinen Platz mehr".

Swinton ist eine Verfechterin der ausgedehnten Erzählform, will eher weniger am Hype in sozialen Medien partizipieren. "Ich liebe Geschichten, wenn sie ausführlich sind, so wie jene in diesem Film. Manche Storys entfernen einen von dir selbst, manche führen dich zu dir. Mir sind erstere manchmal lieber, weil sie dir eine Pause von dir selbst gönnen".

"Three Thousand Years of Longing" spielt zudem auch mit der Rivalität zwischen Wissenschaft und Mythos. "Die Wissenschaft zeigt uns alles, was wir bisher wissen", so Miller. "Was wir nicht wissen, das wird zu einem Mythos. Ein Beispiel: Die Pandemie, die wir anfangs gar nicht verstanden haben und aus der heraus sich deshalb Mythen und Verschwörungstheorien entwickelt haben".

Die Pandemie hat die Crew des Films auch auf andere Weise getroffen. Swinton: "Geprobt haben wir den Film Anfang 2020 in Quarantäne in Australien. Da war ich mit Idris im Hotel, Zimmer an Zimmer, und über den Balkon konnten wir abends ein Glas Wein trinken. Aber die Proben fanden via Zoom Meeting statt - mit George, der zugeschaltet war". Eine seltsame Erfahrung, aber: "Was tut man nicht alles, um eine gute Geschichte zu erzählen?"