Cannes. Man nannte ihn den "Meister der Perversion", diesen David Cronenberg, inzwischen 79 Jahre alt und seit 2014 mit "Maps to the Stars" mit keinem Langfilm mehr in den Kinos vertreten. Aber nun ist er mit "Crimes of the Future" zurück, im Wettbewerb von Cannes, wo er das Publikum mit Staunen aber auch Ratlosigkeit zurückließ. Es ist die Rückkehr dieses Meisters zu seinen Wurzeln im "Body Horror". Seine Filme in den 1990ern haben viel davon ausgestellt, und in "Crash" (1996) ist er ähnlich weit gegangen, um eine neue Gesellschaft auszurufen, wie jetzt: "Crimes of the Future" dreht sich zwar nicht um die erotische Dimension, die so mancher aus Autounfällen zieht, aber es wird dafür noch makaberer:

Menschen kreieren in der nicht allzu fernen Zukunft ganz neue Organe in sich selbst, jedoch könnten das auch Tumore sein, jedenfalls aber sind diese Organe tätowiert, und zwar schon im Körper. Dafür sorgt die Unfallchirurgin Caprise (Léa Seydoux), die das an Saul Tenser (Viggo Mortensen) erprobt. Es ist eine Art High-Speed-Evolution, die Cronenberg hier entwirft: Die Menschen haben keine Schmerzen mehr, Viren und Bazillen können ihnen nichts mehr anhaben. In diesem Setting spielen herkömmliche Sinnesvergnügen wie Sex keine Rolle mehr: "Surgery is the new sex", heißt es hier. Operationen sind der neue Sex. Und so geht es auch recht blutig zu in "Crimes of the Future", in dem die Skalpelle des Öfteren Benutzung finden. Das kann man als Kritik am Beauty-Wahn der Gegenwart lesen, aber auch als Ekel-Horror, bei dem der Körper Organe bilden kann, von denen er noch nicht weiß, wofür sie zu gebrauchen sind. Cronenbergs Film ist schwarze Komödie wie Film Noir gleichermaßen, es gibt Suspense und Wortwitz, und das Konzept von der "inneren Schönheit" bekommt eine ganz neue Dimension. Sicherlich kein Film, den man als Berieselung rezipieren kann, und schon gar nicht kann man ihn auf die leichte Schulter nehmen: Dafür sind seine Ebenen zu komplex, als dass er sich einem sofort erschließt.

Frauenmorde im Iran

Um Sex geht es letztlich auch in dem iranischen Film "Holy Spider" von Ali Abbasi: Saeed (Mehdi Bajestani), ein Familienvater, ermordet in Maschhad, der heiligsten Stadt des Iran, 16 Prostituierte, weil er "das Land säubern" will von "unwertem Leben", wie er im Film sagt. Die Geschichte ist wahr, trug sich 2001 zu und gibt einen formidablen Stoff ab für diesen Thriller, der in Cannes das Publikum spaltete. Die brutalen Morde auf der einen Seite stehen den Recherchen der Journalistin Rahimi (Zahra Amir Ebrahimi) gegenüber, die den Täter schließlich überführen, weil die Polizei untätig ist. "Er macht in Wahrheit für sie die Arbeit, indem er die Straßen von diesen Frauen befreit", heißt es da.

Dass die Stimmung in der Bevölkerung bald schon zu Saeeds Version der Geschichte tendiert, liegt am komplexen Gesellschaftsgefüge, das von Staat und Religion stark diktiert ist. Regisseur Abbasi gelingt jedenfalls ein atemberaubender Thriller, der anders endet als vermutet, und dann wieder doch nicht. So überraschend kann Kino sein.