In Cannes stellte Valeria Bruni-Tedeschi ihre neue Regiearbeit "Les Amandiers" im Wettbewerb um die Goldene Palme vor – und der Wechsel hinter die Kamera hat der Schauspielerin und Schwester von Carla Bruni eine neue Perspektive auf die Arbeit an einem Filmset eröffnet: "Dort musst du alle kreativen Vorgänge in der Hand haben, oder zumindest: Den Überblick behalten. Ich finde es ganz außerordentlich wichtig, diese Prozesse zu kennen und zu verstehen. Als Schauspielerin ist man ja meistens ein Werkzeug des Regisseurs, aber als Regisseurin hat man wirklich die Komplettverantwortung".

Und die dreht sich in "Les Amandiers" um eine Truppe junger Schauspieler, die Ende der 1980er Jahre die Aufnahmeprüfung für die berühmte Schule bestehen, die von Patrice Chéreau und Pierre Romans im Theater Amandiers in Nanterre gegründet wurde. Stella, Etienne, Adèle und viele andere gerade 20 Jahre alte Talente starten voller Hoffnung in ihr Leben, das sich zwischen Leidenschaft, Spiel und Liebe zuträgt, und unterwegs sammeln sie auch schwierige Erfahrungen und erleben ihre erste große Tragödie. Es ist ein fein austarierter Film über die inneren und äußeren Zustände von jungen Schauspielern, den Bruni-Tedeschi – nicht ohne den Einfluss autobiografischer Erfahrungen – hier auftischt. Bruni-Tedeschi war einst selbst Schülerin in Chéreaus Institution. "Les Amandiers" ist letztlich eine geglückte Hommage an den Beruf des Schauspielers. Zwischen Tränen und Verletzlichkeit zeigt sich der Wunsch der Schauspielschüler, ihr Leben auf der Bühne eines Theaters völlig neu zu erzählen.

Der Cast von "Les Amandiers" kam zahlreich zur Premiere.  
- © Katharina Sartena

Der Cast von "Les Amandiers" kam zahlreich zur Premiere. 

- © Katharina Sartena

"Die Lage von Nachwuchsschauspielern hat sich kaum verändert, seit ich damals an dieser Schule war", erzählt Bruni-Tedeschi im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. "Es sind immer noch die gleichen Sehnsüchte und Hoffnungen, die sie begleiten, und das wollte ich in meinem Film zeigen. Was sich geändert hat, ist das Umfeld. Heute gibt es durch die Streaming-Plattformen sicher mehr Arbeit für Schauspieler, aber auch die Konkurrenz ist größer geworden".

Bruni-Tedeschi selbst hat sich inzwischen aus der hektischen Filmwelt mehr und mehr zurückgezogen. Die 57-jährige Italienerin liebt den Teil des Filmemachens, in dem sie kreativ sein kann. "Also beim Schreiben, Drehen und Schneiden", sagt sie. Was ich weniger mag: Festivals wie Cannes, wo alles sehr fiebrig ist und unnötig stressig". Ihren privaten Ausgleich findet sie daher anderswo: Beim Yoga. "Ich fühle mich total wohl in meiner Haut, ich habe lange Zeit nach einer inneren Balance gesucht", sagt Bruni-Tedeschi. "Mit Yoga habe ich es geschafft, mein Gleichgewicht zu finden, ich betreibe das sehr intensiv".

Nach der PR-Arbeit zu "Les Amandiers" ist Bruni-Tedeschi das erste Mal seit Jahren ohne Plan. "Ist das nicht toll? Ich nehme mir die Zeit, um in mich zu gehen, anstatt von einem Dreh zum anderen zu eilen. Diese Auszeit ist ihn Wahrheit auch eine Form der Arbeit: Ich suche den Abstand, um darin eine neue Inspiration zu finden".