"Moonage Daydream", der im Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes antritt, kann man getrost als einen fulminanten Annäherungsversuch werten. An einen Weltkünstler, den man nicht verstehen muss, um ihn zu lieben, den man nicht verstehen darf, um ihm ein Denkmal zu setzen. Bowie, das ewige Mysterium als Mischung aus Künstler, Sänger, Kunstfigur, Gesamtkunstwerk, Philosoph, Musiker und Dichter. Es gab wenige von seinem Format.

Genau über diese Phänomen Bowie hat Regisseur Brett Morgen eine Doku gedreht. "Aber es musste gleich klar sein: Das ist keine Biografie von Bowie, sondern geht weit darüber hinaus. Es gibt hier keinen Anfang, keine Mitte und keinen Schluss, sondern eher den Versuch, Bowie thematisch näherzukommen", sagt Morgen im Interview mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. "Es gibt so viele Facetten an diesem Mann, dass man ihm nicht wirklich gerecht werden kann. Man kann sich nur vorsichtig herantasten". Der Film will ermöglichen, Bowie "zu erleben", wie es Morgen formuliert. "Man soll eintauchen können in die Welten und Gestalten, die er erschaffen hat, man soll hineingezogen werden in seine kreative und intellektuelle Kraft".

Im Jahr 2017, ein Jahr nach Bowies Tod, gewährten Bowies Erben dem Regisseur Zugriff auf Tausende Dokumente zu Bowie, darunter seltene und nie zuvor gesehene Zeichnungen, Aufnahmen, Filme und Zeitschriften. Morgen verarbeitet diese Materialien zu einem klanglich und visuell aufregenden und fordernden Stück Kino mit einem famosen Soundtrack.

"Ich habe diesen Film vor allem gemacht, weil mir David Bowie das Leben gerettet hat", sagt Brett Morgen. "Ich hatte 2017 einen Herzinfarkt, weil ich ein Workaholic war und nur für die Arbeit lebte. Ich war drei Minuten tot, ehe man mich zurückholte. Meine Kinder waren damals acht und 12 Jahre alt. Ich stellte mir die Frage: Was hättest du ihnen für ein Bild von dir hinterlassen, wenn du gestorben wärst? Die Antwort war: Das Bild eines Menschen, der nur arbeitet und nie Zeit für die Familie hatte". Morgen hat dann begonnen, an "Moonage Daydream" zu arbeiten. "Und Bowie hat mir hier das Leben gerettet. Mit seinen Visionen, seinen Texten, seinen Songs, seinen Inspirationen", sagt Morgen. "Er hat mir den Weg gewiesen, worauf es im Leben wirklich ankommt".