Als ukrainischer Filmemacher steht Sergei Loznitsa heuer in Cannes in einem besonderen Rampenlicht: Alle wollen seine Position in Bezug auf den Ukraine-Krieg erfahren, die freilich nicht schwer zu erraten ist: "Ich stehe zu 100 Prozent hinter meinem Präsidenten, den ich auch gewählt habe", sagt Loznitsa im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. Für ihn sei Wolodymyr Selenskyj der einzig richtige Mann in dieser Verantwortung. Loznitsa beschäftigt sich schon lange mit dem schwelenden Konflikt in der Ukraine, drehte Filme wie "Maidan" (2014) über die Proteste auf dem Maidan-Platz oder "Donbass" (2018).

Sein neuer Dokumentarfilm "The Natural History of Destruction", den Loznitsa nach Cannes mitgebracht hat, bezieht sich zwar nicht auf den aktuellen Kriegskonflikt, handelt aber dennoch vom Krieg und schlägt Parallelen zur Ukraine. Der Film zeigt alte, seltene, teilweise noch nie gezeigte Archivaufnahmen der Bombardements der Alliierten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Bomben fielen auf Deutschland, und dabei starben auch unzählige Zivilisten. Loznitsa stellt daher die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, die Zivilbevölkerung als Kriegsmittel einzusetzen – eine aktuelle Frage, die angesichts der Lage in der Ukraine wieder aufgeflammt ist. "Wie kann es sein, dass Menschen solch unmenschliche Methoden der Massenvernichtung auf Mitmenschen anwenden", fragt sich Loznitsa. "Und welche Art von Maßnahmen sollten wir setzen, um diese Massenvernichtung ein für alle Mal zu verhindern?"

Die Weltöffentlichkeit nutzt Loznitsa für seine pro-ukrainischen Botschaften. 
- © Katharina Sartena

Die Weltöffentlichkeit nutzt Loznitsa für seine pro-ukrainischen Botschaften.

- © Katharina Sartena

"The Natural History of Destruction" ist Loznitsas jüngster Versuch, mit den "schrecklichen, tragischen Ereignissen" eines turbulenten Jahrhunderts umzugehen. Viele Ereignisse wurden immer noch nicht vollständig reflektiert und verstanden", sagt er. "Und wir haben immer noch keinen Mechanismus gefunden, um zu verhindern, dass sich ähnliche Ereignisse wiederholen. Es ist nicht so, dass wir als Menschen überhaupt nicht in der Lage wären, irgendwelche Lehren aus der Vergangenheit, aus unserer Geschichte zu ziehen", sagt Loznitsa. "Aber um diese Lehren zu ziehen, sollte ein Wille vorhanden sein. Schade, dass ich diesen Willen nirgends erkennen kann".

Drei Tage nach dem russischen Einmarsch in sein Heimatland trat Loznitsa aus der European Film Academy aus, weil er deren "beschämende" Reaktion auf den Angriff als "neutral, zahnlos und konformistisch in Bezug auf die russische Aggression" empfand. Kurz darauf wurde der Regisseur von der Ukrainischen Filmakademie ausgeschlossen, weil er sich weigerte, den Aufrufen zum Boykott des russischen Kinos Folge zu leisten. "Ich kann das nicht verstehen", sagt er. "Jeder kennt meine Haltung, ich glaube, meine Filme sprechen Bände", sagt Loznitsa. "Ich finde aber, dass ein Boykott anderer Künstler, die ohnehin gegen ihr Regime sind, nicht in Ordnung ist. Meiner Meinung nach ist jeder Versuch, eine Kultur zu boykottieren, an sich schon ein Akt der Barbarei", sagt der Regisseur. "Wenn wir über Kultur sprechen, dann ist es unsere Pflicht, die Kultur zu verteidigen und zu schützen. Und jeder Schritt zur Aufhebung jeglicher Kultur ist auch ein Weg in die Barbarei."

Loznitsa will als nächstes ein neues Filmprojekt umsetzen, dass sich ganz konkret mit dem Ukraine-Krieg auseinandersetzt. "Es ist auch schon finanziert und wird bald gedreht", verspricht er vorfreudig. Seine starke Position in Bezug auf den Krieg will er darin jedenfalls deutlich unterstreichen.