Am Samstagabend wurde der Schwede Ruben Östlund in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Es ist nach seinem Film "The Square" (2017) bereits seine zweite Palme. Das ist in der 75-jährigen Geschichte des Festivals bisher nur neun Regisseuren gelungen, darunter auch Michael Haneke. In "Triangle of Sadness" erzählt Östlund, wie ein marxistischer Kapitän (Woody Harrelson) superreiche Oligarchen zu einer Kreuzfahrt einlädt und beim Dinner an Bord die meisten seekrank werden. Nach einer Havarie am Schiff strandet man auf einer einsamen Insel. Messerscharf und satirisch fängt Östlund die durch den obszönen Reichtum seiner Protagonisten verursachte Prunksucht zwischen Champagner-Rausch, Schönheitswahn und Kapitalismus-Gier ein.

"Wiener Zeitung": Gratulation zu Ihrer zweiten Goldenen Palme. Wie fühlt sich das an?

Ruben Östlund: Es ist großartig! Ich habe noch keine Worte dafür, aber man kapiert, dass man jetzt Teil der Filmgeschichte ist. Mit einer Goldenen Palme auch, da könnte man aber denken, es ist der Jury vielleicht ein Fehler passiert. Aber mit zwei ist es wirklich amtlich. Das haben nicht viele Regisseure geschafft. Für mich ist es eine verrückte Zeit: Ich habe die Palme überreicht bekommen und bin danach gleich zurück in mein Apartment, wo ich meinem acht Monate alten Sohn die Windeln gewechselt habe.

Schöne Menschen auf der Super-Yacht: Bald werden sich die Rollen in "Triangle of Sadness" ins Gegenteil verkehren. Festival Cannes - © Festival Cannes
Schöne Menschen auf der Super-Yacht: Bald werden sich die Rollen in "Triangle of Sadness" ins Gegenteil verkehren. Festival Cannes - © Festival Cannes

Ihre Filme spielen meist an Orten, aus denen es für die Protagonisten wenig Entrinnen gibt. "Turist" spielte in einem Ski-Resort, "The Square" in der Welt der Kunst und Ausstellungen, und "Triangle of Sadness" auf einer Yacht. Welche Idee steckt dahinter?

Als ich zwischen 1998 und 2001 an der Filmschule war, kam mir das damalige Arthaus-Kino schrecklich langweilig vor. All diese Filme behandelten ernste Themen auf sehr ernste Weise. Ich hingegen war von Lina Wertmüller und Buñuel inspiriert, und wollte ungestüme, unterhaltsame Filme drehen, die trotzdem von einer Reihe wichtiger Themen erzählten und sich kritisch mit den Zeiten, in denen wir leben, auseinandersetzten. Das war mein Motto: Erzähle von den gewichtigen Themen, aber so, dass die Leute draufklicken würden. Ich bringe die Leute also an attraktive Plätze - ins Ski-Gebiet, in die Galerie, auf die Super-Yacht - und setze ihnen dann Fragen vor, wie wir mit Verantwortung umgehen und woran es in unserer Gesellschaft krankt. In "Triangle of Sadness" sind es gleich drei Attraktionen, die das Publikum locken sollen: die Modebranche, der Jugendwahn und eine verlassene Insel. Im Hintergrund verhandle ich die Frage, wie sich unser Verhalten verändert, wenn sich der Kontext ändert.

Es gibt in "Triangle of Sadness" eine Rollenumkehr.

Bevor die Yacht in meinem Film kentert, scheinen die Regeln klar zu sein. Die Hierarchien sind aufgeteilt in Superreiche und ihre Angestellten. Unter den Gestrandeten und Überlebenden spielen Herkunft und Geld kaum mehr eine Rolle. Plötzlich ist die Putzfrau vom Boot die mächtigste Figur, weil sie als Einzige fischen und Feuer machen kann. Ich glaube, diese Situation verdeutlicht viele enorme Probleme unserer Wohlstandsgesellschaft und ist zugleich sehr unterhaltsam zu verfolgen, wie ein gutes Gespräch unter Freunden. Mit denen spricht man ja auch oft über ernste Themen und lacht dabei viel.

Warum die Modewelt als Thema?

Ich betrachtete die Modewelt immer als oberflächliche Branche, bis ich meine Frau kennenlernte: Sie ist Modefotografin, und ich wollte erfahren, was wirklich hinter den Kulissen abgeht. Ich begriff, dass die Genese dieser Branche die Schönheit ist, und zwar die Schönheit im Sinne einer Währung. Schönheit kann dich überall hinbringen, sie kann dir den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen, selbst wenn du bettelarm bist. Die meisten werden mit dem Satz erzogen: "Es geht nicht um die Äußerlichkeiten, die inneren Werte zählen." Das ist leider nicht richtig. Unsere Welt ist völlig auf Äußerlichkeiten fixiert, und der Trend wird durch den Einsatz digitaler Bilder noch stärker, weil wir diese Bilder optimieren können.

Was haben Sie aus den Erzählungen Ihrer Frau gelernt?

Ich fand beispielsweise sehr interessant, dass die männlichen Models in der Branche nur rund ein Drittel der Gagen ihrer weiblichen Kolleginnen bekommen. Sie sind oftmals mit mächtigen homosexuellen Männern konfrontiert, die das Sagen in der Industrie haben und mit ihnen schlafen möchten. Sex kann für diese Männer also ein Türöffner sein. Diese Idee von Sex und Schönheit als Währung sehen wir in der allgemeinen Wahrnehmung meistens bei Frauen, die damit umgehen müssen. Deshalb ist es in meinem Film auch ein Model-Paar, ein Mann und eine Frau, die sich damit auseinandersetzen müssen. Und weil sich die Vorzeichen umkehren, schläft unser männliches Model bald mit der Putzfrau, um mehr Fisch für sich zu bekommen.

Nach Modebusiness und Kunstwelt: Was ist Ihr nächstes Filmthema?

Mein nächster Film wird "Entertainment System Down" heißen. Er spielt zur Gänze an Bord eines Langstreckenfluges, bei dem jegliches Unterhaltungs-System ausfällt und die Passagiere keinerlei Zerstreuung in Musik, Games oder Videos finden können. Jeder Pilot weiß, wie gefährlich es ist, wenn die Passagiere auf die Barrikaden steigen.