Marion Cotillard, Hauptdarstellerin von "Rust and Bone". - © APAweb / EPA
Marion Cotillard, Hauptdarstellerin von "Rust and Bone". - © APAweb / EPA

Entgegen aller Behauptungen und Beschwerden (die wir unterstützen), findet sich dennoch ein "Frauen"-Film im diesjährigen Wettbewerb von Cannes. Strenggenommen ist dies kein von einer Frau realisierter Film, aber ohne dass es der ägyptische Regisseur Yousry Nasrallah wohl weiß, hat seine ansonsten auf allen Ebenen misslungene Arbeit "After The Battle" die bisher hehrste Botschaft: Jede Revolution, die nachhaltig greift, muss, kann, wird immer von den Frauen in jenem Land ausgehen. Weil Diktaturen und nicht existierende Geschlechter-Gleichstellung eben zusammenhängen. Seine Protagonistin (wie alle in diesem Film eine katastrophal agierende Schauspielerin, deren Name an dieser Stelle nicht erwähnt sei) nimmt sich der Aufklärung der Reiter-Revolte im Post-Tahrir-Trauma an. Eine Gruppe berittener Bauern-Söldner war damals in die Demonstranten geprescht, um den Aufstand zu zerschlagen.

Nasrallah inszeniert seine Geschichte als triefende Seifenoper, aber der – unter einem kitschigen Drehbuch begrabene – Kern enthüllt die aktuelle Stimmung in einem Land, das seine Revolution gerade erlebt, von Menschen initiiert und mitgetragen, die selbst erst langsam begreifen, dass politische Veränderungen immer zuhause beginnen. Die Protagonistin, urban, emanzipiert, verliebt sich in einen der Reiter, ein Bauer aus einfachsten Verhältnissen, mit Frau und Kindern. Allmählich freundet sie sich mit der Familie an, bekommt Einblicke in eine andere Welt. Soziale Unterschiede verschwinden, des Bauern Frau findet zur eigenen Stimme in einem Land, das den Aufbruch immer wieder versuchen muss.

Aufgeben ist ebenfalls keine Option für die beiden Hauptfiguren in Jacques Audiards Wettbewerbsbeitrag "Rust And Bones" - obwohl die junge Orca-Wal-Trainerin Stephanie (Marion Cotillard) bei einem Unfall beide Beine verliert: Ihre animalischen Schützlingen beißen sie ihr ab, als sie im Wasser landet. Nicht erst hier beginnt die Metaphern-überschwangere Inszenierung einer im Prinzip Seifenoper-reifen Geschichte, in der Stephanies intimste Bezugsperson das wahrgewordene Tier im Mann wird. Und zwar in Gestalt des jähzornigen Alleinerziehers (seine Ex war Drogendealerin) Alain, der mit seinem fünfjährigen Buben zu seiner Schwester flüchtet und sein Geld einerseits mit illegaler Überwachung von Mitarbeitern diverser Firmen und andererseits in Straßenkämpfen verdient.

Direkt, animalisch und instinktiv holt er Stephanie vom Rollstuhl ins Leben zurück; als sie einander auch körperlich näherkommen, versucht sie ihn zu zähmen, muss aber erkennen, dass er sich nicht einsperren lässt. Mehrmals ringen beide um ihre Kraft, mehrmals um die Stärke des anderen. Die Tiertrainerin erkennt irgendwann, dass sie ihn gehen lassen muss, erst dann kommt er von selbst zu ihr. Was auf dem Papier unfassbar hohl und klischeebeladen klingt, inszeniert Audiard (er war für "Ein Prophet" Oscar-nominiert) derart gekonnt, dass man sich der durchaus starken Momenten nicht erwehren kann. Vor alllem durch das herausragende Spiel der beiden Protagonisten, allen voran Cotillard, die nun als Favoritin für die beste Darstellerin gilt, und die Aussparung emotionsgeladener Dialoge gelingt Audiard das Vergessen-Machen dieser banalen Story – zumindest für zwei Stunden.