Ein etwas bequemer, weil längst bewährter und damit risikoloser Stil stand aber auch bei vielen anderen Arbeiten dieses Wettbewerbs im Vordergrund, unter anderem auch in Alexander Paynes "Nebraska", einer Erzählung über einen alten Mann, der überzeugt ist, bei einer bloßen Kundenfang-Lotterie eine Million Dollar gewonnen zu haben und sich in den USA quer durch das halbe Land auf den Weg macht, um sein Geld auch abzuholen. Bruce Dern spielt diesen sturen Alten, der sich hier mit der Unterstützung eines Sohnes ein Stück Würde erkämpft. Dern wurde dafür mit dem Preis als bester Darsteller ausgezeichnet. Beste Darstellerin war für die Jury die Französin Bérénice Bejo, die in Asghar Farhadis "The Past" die für den iranischen Regisseur in seinen Filmen bereits charakteristische Rolle einer Frau übernimmt, die eine Veränderung herbeiführt. Als sie sich von ihrem Mann scheiden lassen will, müssen alle Beteiligten (auch ihr neuer Freund) zuerst einige Lasten aus der Vergangenheit bewältigen.

Farhadis Film stand als einer der wenigen im Wettbewerb, der nicht überdeutlich von der klassischen Hollywood-Erzählweise geprägt war. Außer eventuell noch Amat Escalantes rigid gefilmter "Heli" über einen braven jungen Mann in Mexiko, der unschuldig mit Drogenbossen in Konflikt gerät, verfolgten die meisten Regisseure den Weg des geringen Risikos. Escalante wurde mit dem Preis für beste Regie ausgezeichnet - den Preis der Jury bekam dagegen der Japaner Hirokazu Kore-Eda für seinen extrem konventionellen, wie ein TV-Film anmutenden "Like Father, Like Son", und die Cannes-Stammgäste Joel und Ethan Coen wurden für ihre launige, lineare, aber charmante Chronik aus dem Leben eines Folk-Sängers, "Inside Llewyn Davis" mit dem Großen Preis geehrt.

Die Auflehnung gegen ein System - und sei es die konventionelle Erzählform - wagten nur wenige der Filme des diesjährigen Festivals, das in seiner Programmierung generell von einem breiten Konsensus für das US-amerikanische und das doch eher sehr zugängliche Kino im Allgemeinen zeigte. Allein der Chinese Jia Zhang-ke - als einer jener, der Missstände in seinem Land auch in drastischer filmischer Form darzustellen und zu kritisieren weiß - blieb auch mit seinem Rache-episch angelegten "A Touch Of Sin" einer der unbequemeren und "unzugänglicheren" Regisseure. Die Jury würdigte dies immerhin mit dem Preis für das beste Drehbuch und in der Reihe Un Certain Regard gewann der großartige, unkonventionell agierende Kambodschaner Rithy Panh mit seinem innovativen "The Missing Image" über seine intensive Geschichte der Roten Khmer.