Sie wären die vielleicht sicherste Wette auf den Preis für die besten Darsteller - wäre dieser Film nicht in Cannes, sondern bei der Berlinale gelaufen. Sandra Hüller und Peter Simonischek spielen in "Toni Erdmann" von Regisseurin Maren Ade ein Gespann aus Vater und Tochter, das man mit den Begriffen Verve und Nonchalance noch immer nicht ausreichend charakterisiert hätte. Die beiden geben in 162 Minuten Film eine ganz und gar finessenreiche, hintergründige Performance.

Es geht um Lebensglück und darum, im Korsett scheinbarer Verpflichtungen der Arbeitswelt festzustecken, bis einem die Luft wegbleibt. Ines (Hüller) ist Mitarbeiterin bei einer Unternehmensberatung in Rumänien, wo man den Kunden die unangenehmen Arbeiten abnimmt: Sollen 200 Stellen gestrichen werden, so spricht man von "Outsourcing", und diesen Job müssen Ines und ihr Team erledigen. Kündigungen überlassen große Firmen nämlich heutzutage grundsätzlich den anderen.

Und Ines ist in dieser Position zwar Profi, aber alles andere als glücklich. Das merkt auch ihr Vater Winfried (Simonischek), ein Spaßvogel der alten Schule, der einem gern ein Furzkissen unters Gesäß legt. Winfried besucht seine Tochter in Bukarest und sieht dort zu, wie sie unter dem Stress ihrer Arbeit leidet. Bald schon tritt er mit Perücke und falschen Zähnen als Geschäftsmann Toni Erdmann auf und mischt sich so ins Leben seiner Tochter, die davon alles andere als begeistert scheint. Doch auch ihr dämmert schnell, dass ihr derzeitiges Dasein keine Zukunft hat.

Das Team von "Toni Erdmann" am Red Carpet in Cannes. - © Katherina Sartena
Das Team von "Toni Erdmann" am Red Carpet in Cannes. - © Katherina Sartena

Mit "Toni Erdmann" hat - nach langen Jahren der Absenz - wieder einmal ein deutscher Film den Weg ins Wettbewerbsprogramm von Cannes gefunden. Maren Ade, in Berlin 2009 für "Alle anderen" prämiert, zeigt in ihrem dritten Spielfilm, welch famose Beobachterin sie ist: Ihr Film funktioniert als Drama genauso wie als Komödie, hat eine freche, fast frivole Seite im Umgang mit Konventionen. Bei der Pressevorführung in Cannes gab es mehrmals frenetischen Szenenapplaus, vor allem für Hüllers angstfreie darstellerische Leistung. Ades Komödie ist der vielleicht stimmigste und sympathischste deutsche Film des Jahres, über den man wirklich herzlich lachen kann, der einen aber auch zu Tränen rührt. Skurrile Wendungen geben "Toni Erdmann" schließlich den letzten Schliff; sie werden durch Szenen ausgedrückt, in denen Ines, von ihrem Vater als dessen Sekretärin Miss Schnuck ausgegeben, sich stimmgewaltig in einem Whitney-Houston-Klassiker verliert oder auf ihrer eigenen Geburtstagsparty splitternackt erscheint. Das macht wirklich großen Spaß.