Der Musiker Iggy Pop und der Regiesseur Jim Jarmusch auf dem Filmfestival in Cannes. - © Katharina Sartena
Der Musiker Iggy Pop und der Regiesseur Jim Jarmusch auf dem Filmfestival in Cannes. - © Katharina Sartena

"Gimme Danger" heißt die von Fans lang erwartete Doku von Jim Jarmusch über Punkrock-Ikone Iggy Pop, die in Cannes als Mitternachts-Screening Weltpremiere feierte. Der Filmtitel gibt die Richtung vor: "Gimme Danger" will keine Phase im Leben des Musikers auslassen, und konfrontiert das Publikum auch mit den Schattenseiten des Ruhms. Allerdings: Jarmusch legt den Film nicht als klassische Biografie an, sondern mehr als essayistische Liebeserklärung an Iggy Pop.

Die Wege der beiden haben sich für die Doku nicht zum ersten Mal gekreuzt: Pop wirkte bereits in Jarmuschs Filmen "Coffee & Cigarettes" und "Dead Man" mit. "Ich bin ein dezidierter Fan von ihm", schwärmte Jarmusch in Cannes. "So wie Iggy stamme auch ich aus dem mittleren Westen. Er war für mich schon in meiner Jugend eine Ikone der Musik".

Jarmusch betrieb einigen Aufwand, um seine Doku mit seltenem Archivmaterial anzureichern, denn von Pop selbst konnte er keine Materialien erwarten. "Ich bin jemand, der nichts aufhebt. Ich habe nur ein Bild von meiner Mutter und meinem Vater, mehr nicht", sagt Pop. "Ich habe ein paar Kontakte beigesteuert von Fans, die allerlei Unrat aufbewahrt haben, von alten Drogendealern und so weiter. Von mir selbst bekam Jim nur meine Erinnerungen".

- © Katharina Sartena
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Iggy Pop ist heute, mit 69, scheinbar brav geworden. Legendär sind seine Gigs mit der Band "The Stooges", wo er meist mit nacktem Oberkörper auftrat. Sein exzessives Bühnenverhalten hat ihn nicht nur als "Godfather of Punkrock" sondern auch als Rock-Rabauke weltberühmt gemacht. Der gealterte Musiker, der mit bürgerlichem Namen James Osterberg heißt, geht mit seiner Vergangenheit humorvoll um und erläutert, wie es kam, dass er heute kaum mehr Exzesse hinlegt. "Es gibt eigentlich keine Distanz zwischen James Osterberg und der Kunstfigur Iggy Pop. Jetzt gerade spricht Iggy Pop aus mir, aber James hat das Interview unter Kontrolle, verstehen Sie?"

Das war nicht immer so: Jahrelang hatte Iggy Pop mit Drogenproblemen zu kämpfen. "Ich hatte wirklich großartige Eltern. Mein Problem war nur: Ich habe nie auf sie gehört. Erst sehr spät bin ich draufgekommen, was ihre Ratschläge wert waren", so Pop. "So gehe ich heute früh ins Bett, lasse die Finger von allen Drogen und schränke mein Sexleben ein. Ok, letzteres wohl eher nicht", lacht der Musiker. "Tatsache ist: Ich regeneriere mich langsam von all den Dingen, die ich mir über Jahrzehnte eingeworfen habe. Von Drogen sollte jeder die Finger lassen. Für mich ist heute ein guter Wein das höchste der Gefühle".

Musikalisch ist Iggy Pop mittlerweile ein Klassiker, 2010 wurde er in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. "Die Idole meiner Jugend waren Chuck Berry, Little Richard und vor allem Bo Diddley", sagt Pop. "Sie machten eine einfache Musik, deren Struktur aber sehr komplex war. Genau auf so etwas kann ich als Musiker aufbauen". Moderne Beats hingegen sind für Pop ein Graus: "Heute geht es Bumm Bumm Bumm. Das hat mit Musik nichts zu tun. Ich sehe daneben aus wie ein seltenes antikes Stück". Die Musikbranche sei schnelllebiger geworden, findet der Rockstar. "Das digitale Zeitalter hat das Geldeinsammeln so effektiv gemacht. Drück eine Taste und werde sehr schnell reich."

Genau so schnell und oberflächlich wie dieser Reichtum ist für Iggy Pop der Zustand der Welt im Allgemeinen. "Ich sehe, dass die Stimulierung der Menschheit sehr intensiv geworden ist. Alles ist heute ein Business geworden. Es wäre wichtig für uns, wenn wir die Vernetzung nicht weiter vorantreiben würden, sondern in einem Stadium der Nichtverlinkung blieben. Alles wird sonst noch hektischer und unruhiger", sagt Iggy Pop. Und unterstreicht das noch mit einer Geste, die man von Rockstars wie ihm kennt: "Just calm the fuck down a little".