Da sieht man wieder, wie weit Kritiker- und Jury-Meinungen auseinander liegen können: Beim 69. Filmfestival von Cannes hat fast keiner der in den letzten zwei Wochen von der Weltpresse favorisierten Filme einen Preis gewonnen, oder sagen wir: Den Preis gewonnen, den man ihm zugestanden hätte. Die Jury rund um Regisseur George Miller, der unter anderem Vanessa Paradis, Mads Mikkelsen, Valeria Golino und Kirsten Dunst angehörten, zeichnete am Sonntag Abend in Cannes den Briten Ken Loach für dessen Sozialdrama "I, Daniel Blake" mit der Goldenen Palme aus - völlig überraschend, nachdem Loach niemand für den Hauptpreis des Festivals auf dem Radar hatte. Loach hat damit als achter Regisseur - nach Kollegen wie Michael Haneke, den Dardenne-Brüdern, Francis Ford Coppola oder Emir Kusturica - bereits zwei Palmen gewonnen, zuletzt 2006 für "The Wind that Shakes the Barley".

Weshalb überraschend? Loach hat immerhin ein sozialpolitisch relevantes Drama mit nach Cannes gebracht, das durchaus preiswürdig ist. Es geht um den Mittsechziger Daniel Blake, gespielt von Dave Johns, der im England der Gegenwart kaum mehr "value" hat für die Gesellschaft. Nach einem Herzinfarkt ist er nach 40 "Beitragsjahren" plötzlich ein Risiko für den Staat. Zwei Monate Genesung gewährt man ihm, aber die Ämter geben ihm keine Ruhe mehr mit ihren Formularen. Es ist ein auswegloser Kampf: Blake scheitert am britischen Sozialwesen, weil er nicht mehr ins Räderwerk passt: "Ich bin keine Sozialversicherungsnummer, auch kein Betrüger, erst recht kein Hund. Ich bin ein Bürger", sagt er einmal. Aber da war noch was: Der Kapitalismus hat von sozialer Gerechtigkeit keine Ahnung, deshalb, geht für Blake alles schief, was nur schief gehen kann. Es geht um das "System", in dem wir alle leben, und das in Großbritannien nicht anders zu laufen scheint als bei uns: Es geht um das Überleben des Stärkeren, wie in der Urzeit. Gratulation an die Errungenschaften des Sozialismus. Sie scheinen vergessen. "Die Welt, in der wir leben, ist in einer gefährlichen Situation, weil die Ideen, die wir ‚neoliberal' nennen, zu einer Katastrophe führen", so Loach. "Eine andere Welt ist möglich und sogar notwendig", zeigte er sich in seiner auf Französisch gehaltenen Ansprache überzeugt.

Dass der 79-jährige Loach hier noch einmal den Hauptpreis holt, hatte niemand gedacht, was seinen Film natürlich keineswegs irrelevant macht: Es kann auch als politischer Kommentar der Jury gewertet werden, dass hier Kino mit einer sozialpolitischen Message prämiert wird.