Susan Sarandon will mehr mit Qualität als mit Quantität punkten. - © Katharina Sartena
Susan Sarandon will mehr mit Qualität als mit Quantität punkten. - © Katharina Sartena

Cannes. Wer sagt, dass man mit 70 keine Haut zeigen darf? Dass man dann zu alt ist für die roten Teppiche dieser Welt? Das hat sich auch Susan Sarandon gedacht, denn die 1946 geborene Schauspielerin ("Thelma & Louise") ist bei Gott keine Anhängerin des Hollywood’schen Körperkults, sondern will dann eigentlich schon mehr durch Qualität denn durch Quantität punkten.

Zunächst aber schien es, als wolle sie bei der Eröffnung der 70. Filmfestspiele von Cannes, mit denen sie die Anzahl der Geburtstage, aber nicht das Geburtsjahr teilt (Cannes wurde 1939 gegründet, aber erst nach dem Krieg 1946 regelmäßig ausgetragen, Sarandon kam 1946 zur Welt) besonders üppig erscheinen, gemessen am Dekolleté. Sarandon zumindest zeigt, dass Schönheit kein Alter kennt, und vor allem die unmanipulierte Schönheit nicht. Andere plastische Senioren der manipulierten Seite gibt es an der Cotê-d-Azur zuhauf, und sie müssen eigentlich Höllenqualen leiden in ihren verunstalteten Körpern. Aber das ist eine andere Geschichte.

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In Cannes hat man sich zur 70. Ausgabe des Festivals nicht wirklich Besonderes einfallen lassen, außer in Hinblick auf die Sicherheitsmaßnahmen. Da gibt es schwere Blumentopf-Tröge auf der Croisette, damit Nizza-ähnliche Attentate mit LKW ausgeschlossen sind. Die Croisette selbst ist nur sehr eingeschränkt befahrbar, es gibt Tausende Polizisten und auch schwer bewaffnetes Militär in der Stadt. Das Land ist ja immer noch im Ausnahmezustand.

Es geht nicht französischer

Auf der filmischen Seite kann das angeblich wichtigste Filmfestival der Welt dieses Jahr wieder große Geschütze auffahren, jedoch nicht unbedingt zur Eröffnung: Da zeigte man - wenigstens außer Konkurrenz - das bemühte neue Werk von Arnaud Desplechin, "Les Fantômes d’Ismaël", eine sehnsüchtige Liebesgeschichte um einen Filmregisseur (Mathieu Amalric), dessen vor 20 Jahren verstorbene Ehefrau (Marion Cotillard, schöner als je zuvor) plötzlich wieder auftaucht und Unruhe in die Beziehung zur neuen Frau an seiner Seite bringt, die von Charlotte Gainsbourg gespielt wird. Das Ganze entwickelt sich schnell zu einem Liebesmysterium mit Thrillerelementen, zu einer Sinnsuche insgesamt und einer Sehnsucht im Speziellen, an der der Zuschauer aber wenig enthusiastisch partizipiert. Wahrscheinlich fiel die Wahl auf diesen Eröffnungsfilm, weil es französischer eigentlich nicht geht, und auch, weil kein großes Studio Cannes als Plattform für den Launch seiner Filme nutzen wollte, wie das sonst so üblich ist.

Und dann kam es in der Pressekonferenz der internationalen Jury, die unter Pedro Almodovars Präsidentschaft am 28. Mai die Goldene Palme verleihen soll, gleich zu ersten Diskrepanzen, manche sehen darin sogar einen kleinen Skandal: Jury-Präsident Almodovar hatte die im Vorfeld des Festivals scharf kritisierten Netflix-Produktionen kritisch beäugt, weil er findet, dass Filme zuallererst auf der großen Leinwand zu sehen sein sollten. Hintergrund des Seitenhiebs: Die von Netflix produzierten Filme "The Meyerowitz Stories" und "Okja" werden in Frankreich keine Kinostarts erhalten, sondern direkt auf Netflix zu sehen sein (die "Wiener Zeitung" berichtete). Will Smith, ebenfalls Jurymitglied, gab jedoch Konter: Er sagte, dass seine Kinder ohne den Streamingdienst viele Filme gar nicht sehen könnten, weil es nicht überall Kinos gäbe.

Wenn der offene Schlagabtausch in der Jury so weitergeht, dann dürfte die Urteilsfindung am Ende wohl recht spannend werden.