Der hochformatige Videostream eines Smartphones: Eine Frau besorgt unter Anleitung der Sprechblasen auf dem Bildschirm die abendliche Toilette. Ein Hamster wird mit Tabletten vergiftet. "Happy End" erscheint in schlichten Lettern, dann die Ausdehnung des Bildes auf die gesamte Leinwand: Eine riesige Baugrube, geschäftiges Baggern, Hämmern, Zementieren. Alles aus der Distanz, in einer Totale, in die sich plötzlich und unvermutet eine Katastrophe schleicht, als im Bildhintergrund eine ganze Straße in die Grube sackt. Bei Haneke passieren Katastrophen immer undramatisiert, wie im echten Leben auch. Es ist diese Einstellung, die den Rest seines Films thematisch vorwegnimmt, denn Haneke berichtet vom Zerfall einer Familie.

Wenn jemand wie Haneke die Befindlichkeiten des (französischen) Bürgertums auslotet, dann gibt es hier keine Allgemeingültigkeit, keine Übertragbarkeit auf Europa oder auf aktuelle Entwicklungen. Denn Haneke ist keiner, der gerne Antworten liefert, schon gar nicht auf dem bourgeoisen Silbertablett. Und so ist "Happy End", sein neuester Film, mit dem Haneke am Montag in Cannes im Rennen um seine bereits dritte Goldene Palme antrat, selbstredend nicht als Studie zum Zustand Europas zu lesen, wie das mehrfach im Vorfeld kolportiert wurde, sondern zuallererst als die problembehaftete Geschichte einer bürgerlichen Familie, die im Norden Frankreichs in üppigem Dekor lebt, von den Erträgen aus der familieneigenen Baufirma, die aber nach dem Unglück veräußert werden soll. Zusammengehalten wurde die Familie lange vom inzwischen greisen Patriarchen George (Jean-Louis Trintignant), der im Rollstuhl sitzend über das eigene Scheiden aus dem Leben spekuliert; seine Tochter Anne (Isabelle Huppert) bereitet nüchtern den Verkauf der Firma vor und führt mit ebensolcher Strenge die Beziehung zur Familie. Ihr Bruder Thomas (Matthieu Kassovitz) ist Arzt und gerade Vater geworden, aber auch außerehelich mit einer Musikerin zugange, der er seitenlange Sex-Emails schreibt. Eve (Fantine Harduin), seine 13-jährige Tochter aus erster Ehe, kommt hinter des Vaters Doppelleben und wird schnell zum Dreh- und Angelpunkt für diese zerfaserte Geschichte, in der jeder seine Abgründe bestmöglich vom anderen abzuschirmen sucht, um sich nicht ertappt zu fühlen. Je bourgeoiser eine Gesellschaft ist, desto mehr Versteckspiel treibt sie.

Exaktes Funktionieren

Michael Haneke und Isabelle Huppert in Cannes. - © K. Sartena
Michael Haneke und Isabelle Huppert in Cannes. - © K. Sartena

Hanekes "Happy End" kann diese These vor allem in ihren Details erhärten; mit größter Genauigkeit legt Haneke hier seine Momentaufnahme der Bürgerlichkeit offen, schonungslos akribisch ausgestattet und präzise vermessen ist das Setting, die darin agierenden Schauspieler funktionieren (vielleicht schon zu) exakt. Haneke verzichtet jedoch darauf, dem eigentlichen Motor seiner Geschichte mehr Aufmerksamkeit zu widmen: Das 13-jährigen Mädchen Eve, das einerseits in naiver, andererseits in wohlkalkulierter Boshaftigkeit und Emotionslosigkeit agiert, ist eine der stärksten Haneke-Figuren seit langem, zugleich konzentriert sich der Regisseur im Verlauf des Films zu wenig auf sie. Ihrem Dilemma zwischen Geborgenheitsfantasien eines Kindes und der Nachahmung des Erwachsenendaseins zu folgen, das hätte die rote Linie in "Happy End" sein können. Eine neu interpretierte "Violette Nozière" vielleicht, übrigens jene Rolle, die Isabelle Huppert 1978 auf die Landkarte setzte.

Stattdessen will Haneke in alle Richtungen ermitteln und behandelt seine Figuren (viel zu) gleichwertig. Dass der Regisseur in seinem Film die Auswirkungen moderner Kommunikationsformen streift, mag seinem ursprünglichen Plan geschuldet sein, einen Film über das Internet zu machen, und auch der bei einer noblen Familienfeier einfallende Rüpel-Sohn, der ein paar schwarzafrikanische Flüchtlinge anschleppt, die dann mitfeiern dürfen, ist ein platter Kommentar zur Flüchtlingsproblematik. Aber vielleicht funktioniert das Bürgertum genau so: Platt und emotional immun wie eine Teflonpfanne. Dennoch: "Happy End", das ist ein Film, der zu viel will und zuwenig gibt.

Wenn George die familiären Turbulenzen dazu nutzt, von den Seinen Reißaus zu nehmen, sogar mithilfe von Eve, mit der er sich seltsam verbündet hat, scheint für ihn alles gut zu werden. Am Ende wird ihm sein Happy End jedoch gerade noch vereitelt. Das immerhin, diese allerletzte Einstellung, ist ein Haneke-Moment, der bleiben wird.