Am Tag nach der Premiere von "Happy End" regnete es etliche Verrisse in den internationalen Zeitungen, aber auch lobende Stimmen waren darunter - wie so oft polarisiert Michael Haneke mit seinen Filmen in Cannes, das hat bereits Tradition.

Bei der Pressekonferenz zum Film waren die Kritiken kein Thema. Da ging es der internationalen Presse mehr um die Arbeitsweise des "Maestros", wie Haneke zuweilen bezeichnet wird. Ein Titel, der ihn immer wieder verlegen schmunzeln lässt. Zwei Goldene Palmen hat er schon daheim, und jeder hier will wissen: Wie macht man solche Filme nur?

"Ich stelle die Figuren zusammen, ihre Eigenschaften, zugleich entwickle ich den Plot, aber es gibt eigentlich keinen Plot. Es gibt Widersprüche, ich habe kein System, wie ich arbeite, aber ich versuche immer, die Dialoge zuerst niederzuschreiben, dann spüre ich, wohin die Szene geht", versucht Haneke eine Erklärung. Schlüssel zu seiner Arbeitsweise sei die penible Vorbereitung: "Ich mache ein Storyboard und folge diesem sehr genau, ich tue am Set genau das, was ich vorbereitet habe, ich habe mit meinem Kameramann Christian Berger schon mehrfach gearbeitet, er weiß genau, was ich will. Ich bin auch beim Schnitt immer dabei. Dort erlebe ich keine großen Überraschungen, denn es ist ja alles vorbereitet. Der Schnitt entspricht ziemlich genau dem Storyboard. So beschütze ich mich, ich will grobe Probleme vermeiden", erklärt Haneke, der seine Herangehensweise ans Filmemachen so auf den Punkt bringt: "Ich will überrascht werden von den Schauspielern, nicht von technischen Problemen".

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Auch seine Schauspieler bestätigen, dass die Arbeit mit Haneke außergewöhnlich ist. "Bei Haneke ist alles im Skript, er schreibt detailliert vor, was wir tun sollen, wie alle guten Regisseure", sagt Isabelle Huppert. "Er ist präzise, aber zugleich fühlen wir uns sehr frei, mit ihm zu arbeiten. Für die Schauspieler heißt das, dass die Essenz der Szene sehr genau verständlich ist. Das gibt uns Freiheit. Wir haben vier Filme zusammen gedreht, vielleicht folgt ja noch ein weiterer".

Auch Alt-Star Jean-Louis Trintignant kann gut mit Haneke, er ist nach "Amour" nun auch in "Happy End" in einer tragenden Rolle dabei. "Du musst Haneke lieben, um einen Film mit ihm zu machen. Wenn du seine Filme nicht magst, wird es sehr schwierig. Ich für meinen Teil muss sagen: Es war immer eine große Freude, mit ihm zu drehen".

Für Haneke ist Beständigkeit auch bei der Besetzung ein wichtiger Faktor. Das ist auch der Grund, warum er "seine" Schauspieler immer wieder besetzt. "Ich bin ein ein treuer Mensch", so Haneke. "Wenn ich einmal begonnen habe, mit jemanden zu arbeiten, und es funktioniert gut, warum sollte man dann das Team verändern?" Und für diese Treue gehen sogar hochbetagte Schauspieler wie Trintignant - er ist immerhin schon 86 - große Risiken ein: In einer Szene von "Happy End" sitzt der Schauspieler im Rollstuhl für einige Zeit bis zum Hals unter Wasser in der eiskalten Nordsee. "Wir brauchten drei Drehtage für diese Szene. Das Wasser hatte gerade einmal 16 Grad", erzählt Haneke.

Trintignant war unter einer Bedingung bereit, ins kalte Wasser zu springen: "Ich fragte die Produktion, ob ich mir Cannes ersparen könnte, wenn ich diese letzte Szene drehe", lacht er. "Aber ich verstehe schon, dass Cannes sehr wichtig ist, deshalb bin ich auch hier". Was tut man nicht alles für die Kunst?