Durch diesen Film geht er wie ein Hulk, meinte einer der anwesenden Journalisten. Joaquin Phoenix kostet das ein mildes Lächeln, denn er weiß: Ganz unrecht hatte der Kollege damit nicht. Denn Phoenix’ Figur in Lynne Ramsays Wettbewerbsbeitrag "You Were Never Really Here", der ganz zum Schluß des Festivals vorgestellt wurde, ist alles andere als ein zaghafter Bursche. Zwar läuft er bei Wutanfällen nicht grün an, aber die Brutalität mit der er durch diese Geschichte geht, ist noch viel zerstörerischer als der Comic-Held es jemals war.

Dabei mag Lynne Ramsay Comics. "Ich würde auch gerne mal einen Superhelden-Film drehen, nur leider hat mich noch keiner gefragt", sagt die Schottin in Cannes, die als britische Autorenfilmerin vor allem für Arbeiten wie "We Need to Talk about Kevin" (2011) oder "Ratcatcher" (1999) bekannt ist. Und was ihre Heldenfigur angeht, die durch ihren neuen Film schreitet, meint sie: "Es ist in Wahrheit die Erforschung der ‚Condition humaine‘. Darum geht es in all meinen Filmen".

"You Were Never Really Here" ist einer dieser Filme, die einen schon die Sinnfrage stellen lassen. Da zieht ein offenbar in der Kindheit arg gepeinigter Mann namens Joe (Phoenix) als Auftrags-Killer umher, und soll ein kleines Mädchen von seinem sexuellen Peiniger befreien, der in der hohen Politik tätig ist; zugleich aber stellt sich bald heraus, dass auch sein Auftraggeber, der Vater des Mädchens, ebenfalls Politiker, involviert ist; er hat wohl regen Handel mit seiner unschuldigen Tochter betrieben. All das aber zeigt der Film in höchst unkonventioneller Weise: Der Fokus liegt auf dem Blut, den Wunden, den Schreckensbildern eines Mordes, die man normalerweise der Imagination des Publikums überlässt, die Ramsay hier aber in aller Explizität ausschlachtet.

Ein elegant gefilmter Film Noir der grausigen Details und der wenigen Worte, der auffallend weit weg von Stereotypen liegt: Das Gespann aus Retter und Geretteter findet so nicht statt, denn: "Wir wollten weg von der männlichen Heldenfigur, wir beschreiben das als Impotenz der Männlichkeit", erläuterte Joaquin Phoenix in Cannes. "Was interessant ist für einen Genrefilm: Das Mädchen rettet sich am Ende selbst, es ist nicht so, dass erst Männer kommen müssen, um es zu retten".

Auf dem Weg dorthin fließt jedenfalls sehr viel Blut, das Joe aber nicht durch den Einsatz von Feuerwaffen vergießt, sondern mithilfe eines Hammers "Made in USA" aus seinen Opfern schlägt. "Wir wollten nicht den typischen Hollywood-Typen draus machen", so Phoenix. "Das mit der Pistole sah lächerlich aus, und Lynne fand das auch, wenn ich da so rumlaufe. Also haben wir sie einfach weggelassen und durch einen Hammer ersetzt". Phoenix nennt übrigens Scorseses "Taxi Driver" als eine Inspiration für seine Figur im Film. "‚Taxi Driver‘ war überhaupt einer jener Filme, die mich maßgeblich dazu veranlasst haben, eine Karriere als Schauspieler anzustreben", so Phoenix.

Mit 85 Minuten ist die Gewaltorgie "You Were Never Really Here" auch verträglich kurz geraten - zumindest das kann man nicht von allen Beiträgen hier an der Croisette behaupten. "Ich wollte euch hier in Cannes nicht langweilen", lacht Ramsay. "Es ist nichts Tolles an einem zweieinhalb Stunden langen Film. Alle meine Filme sind recht kurz, manche fühlen sich vielleicht an wie zweieinhalb Stunden, aber ich hoffe, dieser nicht".