Es regnet lange in Fatih Akins neuer Arbeit "Aus dem Nichts". Der Regen, das ist Synonym für die Trauerarbeit der Protagonistin, ein einfaches, aber effizientes Mittel, dessen sich Akin bedient. Sein Film ist voll von simplen Triggern. Aber er funktioniert. Und wie.

Zuerst ist da der harmlose Besuch bei Papa im Büro. Katja (Diane Kruger) bringt den gemeinsamen, sechsjährigen Sohn zu ihrem türkischstämmigen Mann und trifft sich mit einer Freundin. Als sie Mann und Kind abends wieder abholen will, ist die Straße gesperrt, überall Blaulicht, Polizei, Sirenen. Eine Bombe ist explodiert, genau vor der Auslage des Büro ihres Mannes. Katja muss das Unfassbare erfahren und dann: begreifen. Von ihrer Familie sind nur mehr Leichenteile übrig, zerfetzt von einer Nagelbombe, die direkt vor dem Gebäude explodiert ist.

"Wir kennen nach Terroranschlägen immer sofort die Täter, aber von den Opfern erfahren wir nichts", sagt Fatih Akin im Gespräch mit der "WZ". - © Katharina Sartena
"Wir kennen nach Terroranschlägen immer sofort die Täter, aber von den Opfern erfahren wir nichts", sagt Fatih Akin im Gespräch mit der "WZ". - © Katharina Sartena

Die Verzweiflung, die man nicht in Worte fassen kann, spielt Diane Kruger in ihrem ersten deutschsprachigen Film mit einer ungeheuren, fast unheimlichen Intensität und bringt sich damit in Stellung für einen Darstellerpreis beim Filmfestival von Cannes. "Ich kann nicht erklären, wie man diese Szenen voller Wut und Trauer spielt", sagt sie beim Gespräch. "Aber man weiß, wann man in der Stimmung ist, es zu spielen. Man spürt das. Und dann muss man es rauslassen".

Stellvertretend für alle terroristischen Akte

Ihre Filmfigur Katja lässt noch viel mehr raus als Wut und Trauer. Schnell erinnert sie sich an eine junge Frau, die vor der Tat ein Fahrrad vor dem Büro abgestellt hat, mit einem Koffer am Gepäckträger. Sie hat ihr noch nachgerufen, sie möge das Fahrrad lieber absperren, die Gegend sei nicht so sicher. In dem Koffer war die Bombe, und anhand dieser kurzen Begegnung kann die Frau ausgeforscht werden und wird schließlich, gemeinsam mit ihrem Ehemann, der als Mitangeklagter einsitzt, vor Gericht gestellt. Hier die Konfrontation mit den mutmaßlichen Tätern in all der Verzweiflung und all dem Hass zu spielen, das meistert Kruger grandios.

Fatih Akin hat mit "Aus dem Nichts" einen hochemotionalen Film über den Terror des NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds gedreht, dessen Mitgliedern Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die neun zwischen 2000 und 2006 aus rassistischen Motiven verübten Morde in verschiedenen deutschen Städten zur Last gelegt werden. Dass der Terror hier rechtsextrem und nicht IS-gefärbt ist, stellt für den deutschtürkischen Regisseur eine Notwendigkeit dar: "Es ist ein sehr persönlicher Film", sagt Akin im Gespräch, "denn ich kenne natürlich die türkische Szene gut. Andererseits muss man angesichts des weltweiten Terrors sagen: Der Film steht auch stellvertretend für alle terroristischen Akte. Ich empfinde es inzwischen so, dass wir uns alle in einem schrecklichen Krieg befinden. Und zwar in einem Krieg, der nicht mehr mit Panzern und Flugzeugen geführt wird, sondern dessen Waffen sich geändert haben. Irgendwo auf der Welt gibt es jemanden, der dich und mich töten will, egal, ob du schwarze Haare hast und aussiehst wie ein Türke, oder ob du weiß und ein Christ bist".

Akins Film zeigt auf hohem, zugleich zugänglichem Niveau, wie die Nachwehen des Terrorismus, egal von welcher Seite, aussehen. "Wir kennen nach Terroranschlägen immer sofort die Täter, aber von den Opfern erfahren wir nichts", so Akin. "Die Opfer bleiben eine Zahl. 29, 55, 300. Aber welche Schicksale dahinter liegen, welche Trauer und welches Leid, darüber wissen wir nichts. Deshalb wollte ich diese Geschichte erzählen, um die Perspektive zu wechseln". Und das tut Fatih Akin auf überaus aufwühlende Weise. Ein (Haupt-)Preis für diesen großartigen Film am Sonntag Abend in Cannes wäre mehr als verdient.