Cannes. Oft sind die Jurys bei den großen Filmfestivals dieser Welt so gar nicht kompatibel mit den Kritikern, aber diesmal gab es in Cannes gleich mehrere Überraschungen bei der Preisverleihung; Und zwar solche, die man nicht in die Kunst-Ecke schieben konnte, sondern die sich auch an einer gewissen Publikums- oder Breitenwirksamkeit messen lassen. Man hätte Cannes gar nicht zugetraut, solch "populäre" Entscheidungen zu treffen. Obwohl: Mit Pedro Almodóvar als Jury-Präsident, der das Bunte und Schrille liebt, mit Will Smith, Maren Ade und Paolo Sorrentino, da war schon klar, dass hier kein Wüstenfilm prämiert wird, der einer Oase zwei Stunden beim Versiegen zusieht. Zumal: Solche Filme gab es in diesem 70. Wettbewerb ohnehin nicht.

Cannes ist also 70 und überreichte seinen Hauptpreis diesmal an den Schweden Ruben Östlund für seinen famos geglückten Film "The Square". Es ist eine messerscharfe Farce auf den Kunstbetrieb, die einem Museumsdirektor folgt, der in arge Turbulenzen gerät, nachdem ihm sein Handy gestohlen wird und er mit dem Dieb hart ins Gericht geht. Es ist ein Drama haarscharf an der Satire, in dem die ebenso absurde wie von der Realität entrückte Welt eines großen Museums in ihren Einzelteile zerlegt wird. Östlund, der bereits mit dem kühlen Kammerspiel "Höhere Gewalt" (2014) für Beifall sorgte, spielt hier meisterlich und ganz leger seine Trümpfe gegen die künstliche Überhöhung der Kunst-Rezeption aus und zeigt, wie banal alles hinter den Kulissen zugeht. Ein Film, der scheinbar frei ist von den Themen, die unter den Nägeln brennen, aber trotzdem gelingt Östlund, die aktuelle Gemütslage des terrorgeplagten Europa durchklingen zu lassen; all die Nervosität, die den Alltag zunehmend beherrscht, steckt auch in diesem wirklich herausragenden Film.

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Angenehme Überraschungen

Doch die Jury hatte noch weitere angenehme Überraschungen parat: Zum Beispiel mit dem Preis für Diane Kruger als beste Darstellerin: Fatih Akin inszeniert Kruger in "Aus dem Nichts" in ihrer ersten deutschsprachigen Filmrolle überhaupt als vom Schicksal gebeutelte Frau, die Sohn und Ehemann bei einem Terroranschlag verliert. Kruger ist in jeder Szene überzeugend, trägt den schwer tränenreichen Film geduldig auf ihren Schultern, bis zu seinem (wenig) überraschenden Schluss. Der Preis für sie ist hochverdient, denn Trauer hat auf der Leinwand selten so echt ausgesehen. Da spielt keine oberflächliche Tatort-Darstellerin (wie das einige deutsche Feuilletonisten empfanden), sondern eine Schauspielerin von Weltformat.

Die positiven Überraschungen gingen aber noch weiter: Der Drehbuchpreis wurde zweigeteilt: Yorgos Lanthimos aus Griechenland konnte sich für "The Killing of a Sacred Deer" darüber ebenso freuen wie die Schottin Lynne Ramsay, die für ihr blutiges Genremovie "You Were Never Really Here" ausgezeichnet wurde. Der Film hätte allerdings durchaus auch eine Goldene Palme verdient, doch soweit reichte der Mut der Jury nicht - aber immerhin zu einem zweiten Preis, was in Cannes eigentlich nicht regelkonform ist. Joaquin Phoenix wurde für die Rolle als Auftragskiller in "You Were Never Really Here" ausgezeichnet - und kaum ein Schauspieler hat mit weniger Worten und weniger Gesten eine solche Präsenz erreicht wie er. Auch dieser Preis ist verdient - und spätestens jetzt ist klar: Das Festival von Cannes sieht sich nach wie vor nicht als gesellschaftspolitischer Zeitspiegel, auch, wenn hier politisch relevante Arbeiten ausgezeichnet wurden, wie das Drama "Loveless" des Russen Andrej Zvyagintsev, der hier mit dem Preis der Jury abgespeist wurde, nachdem man ihn schon als Palmengewinner auf der Rechnung hatte. "Loveless" bemüht sich sehr, von einem Mikrokosmos aus den russischen Mittelstand zu porträtieren.

Spezialpreis für Nicole Kidman

Stattdessen gab es den Regiepreis für Sofia Coppolas historisches Drama "The Beguiled". Die Regisseurin folgt darin den Ereignissen in einem Mädchenpensionat während des US-Bürgerkriegs, in dem ein verwundeter Soldat die Frauen in emotionale Wirren hetzt. Der große Preis der Jury für "120 BPM" wiederum ging an Regisseur Robin Campillo, der sein spätes Aids-Drama als Rückschau auf eine Zeit des Leidens inszeniert.

Und weil das Festival von Cannes ein rundes Jubiläum gefeiert hat und nur ein Mal 70 wird, gönnte sich die Jury einen Spezialpreis zu ebenjenem Anlass: Ein Preis, der zurecht rückt, wofür die Filmschau stehen will, Terror hin, Flüchtlinge her: Nicole Kidman, heuer mit vier Filmen vertreten, erhielt diesen Preis, weil sie den Glamour-Faktor repräsentiert, der all die Probleme dieser Welt vergessen machen soll. Zumindest kurz, für ein paar Kinostunden. Daran ist eigentlich nichts falsch.