Die positiven Überraschungen gingen aber noch weiter: Der Drehbuchpreis wurde zweigeteilt: Yorgos Lanthimos aus Griechenland konnte sich für "The Killing of a Sacred Deer" darüber ebenso freuen wie die Schottin Lynne Ramsay, die für ihr blutiges Genremovie "You Were Never Really Here" ausgezeichnet wurde. Der Film hätte allerdings durchaus auch eine Goldene Palme verdient, doch soweit reichte der Mut der Jury nicht - aber immerhin zu einem zweiten Preis, was in Cannes eigentlich nicht regelkonform ist. Joaquin Phoenix wurde für die Rolle als Auftragskiller in "You Were Never Really Here" ausgezeichnet - und kaum ein Schauspieler hat mit weniger Worten und weniger Gesten eine solche Präsenz erreicht wie er. Auch dieser Preis ist verdient - und spätestens jetzt ist klar: Das Festival von Cannes sieht sich nach wie vor nicht als gesellschaftspolitischer Zeitspiegel, auch, wenn hier politisch relevante Arbeiten ausgezeichnet wurden, wie das Drama "Loveless" des Russen Andrej Zvyagintsev, der hier mit dem Preis der Jury abgespeist wurde, nachdem man ihn schon als Palmengewinner auf der Rechnung hatte. "Loveless" bemüht sich sehr, von einem Mikrokosmos aus den russischen Mittelstand zu porträtieren.

Spezialpreis für Nicole Kidman

Stattdessen gab es den Regiepreis für Sofia Coppolas historisches Drama "The Beguiled". Die Regisseurin folgt darin den Ereignissen in einem Mädchenpensionat während des US-Bürgerkriegs, in dem ein verwundeter Soldat die Frauen in emotionale Wirren hetzt. Der große Preis der Jury für "120 BPM" wiederum ging an Regisseur Robin Campillo, der sein spätes Aids-Drama als Rückschau auf eine Zeit des Leidens inszeniert.

Und weil das Festival von Cannes ein rundes Jubiläum gefeiert hat und nur ein Mal 70 wird, gönnte sich die Jury einen Spezialpreis zu ebenjenem Anlass: Ein Preis, der zurecht rückt, wofür die Filmschau stehen will, Terror hin, Flüchtlinge her: Nicole Kidman, heuer mit vier Filmen vertreten, erhielt diesen Preis, weil sie den Glamour-Faktor repräsentiert, der all die Probleme dieser Welt vergessen machen soll. Zumindest kurz, für ein paar Kinostunden. Daran ist eigentlich nichts falsch.